Rumänien Rundbrief     von Andreas Merker

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Rumänien-Rundbrief Nr. 14a - Neue Texte Nov. 2001

Inhaltsverzeichnis
Sockenstube in Viscri zerstört
Vorbemerkung zum Artikel "Die Haiduken der Jahrtausendwende?"
"Die Haiduken der Jahrtausendwende?"
Ein verwunschenes Bad im Karpatenbogen

Sockenstube in Viscri zerstört

Geduld hat viele Facetten - ihr wichtigster Aspekt aber ist das Ertragen von Unrecht und die freudige Bereitwilligkeit schwierige Situationen zu akzeptieren.

Liebe Freundinnen und Freunde,
diesen Satz las mir eben Maria vor aus einem Brief unserer Supervisorin Marlies Bötnagel, den sie vor einigen Tagen erhielt.
Ich stelle dies an den Anfang des nun folgenden Berichtes.

In der Nacht vom 1. zum 2. November wurde unsere Sockenstube aufs Gemeinste zerstört. In den drei Räumchen, der eigentlichen Annahmestelle, die nun schon längst zum wöchentlichen Treffpunkt vieler Frauen geworden war; im Eingangsraum, der das Lager und eine kleine Bibliothek beherbergte; und in meinem Winzig-Büro, das ich so fein hergerichtet hatte, wurde Feuer gelegt, nachdem alles, was beweglich war aus den Fächern gerissen war, ob Socken, ob Prospekte, ob Briefumschläge, Aktenordner.

Die angrenzende Werkstatt wurde geplündert - und eines unserer letzten Hühner mitgenommen.

Wir, Maria und ich, hatten diese Nacht mit einer Gruppe von Frauen, die für die Schularbeiten-Hilfe am Nachmittag verantwortlich sind, in Vulcan (Wolkendorf), 100 km von hier verbracht. Maria hatte die sechs Frauen zu einer Arbeitstagung eingeladen ... und zwei "unserer" Kinder, Ioaa und Ana, durften über Nacht bei uns im Haus bleiben, in Anerkennung auch des Vertrauens in die beiden Mädchen, 13 und 14 Jahre alt.

Sie haben das Drama, das sich im Nebengebäude abspielte, erst bemerkt, als sie morgens zur Toilette im Hof gingen. Und das Telefon streikte nicht, sicherheitshalber hatten wir die Telefonnummer von Vulcan ins Gerät programmiert. Um 7 Uhr morgens erhielten wir den Notruf von Ioana. Maria, Camelia, die Hauptverantwortliche für die Socken, und ich nahmen ein Taxi. Und trafen gleichzeitig mit Polizei, Bürgermeister aus Bunesti, Pfarrer, Ortsbürgermeisterin Caroline und Kriminalisten ein, es war 11 Uhr geworden.

Das Feuer hatte sich, Glück im Unglück, nicht ausbreiten können, in den drei Räumen war es bei Schwelbrand geblieben, der in jeden Socken, jede Ritze kriecht, in jede. Undenkbar, was wäre gewesen, das Haus wäre in Flammen aufgegangen in der unmittelbare Nähe unserer Scheune, und dann auf jedem Hof eine neben der anderen.

Erschütterte Frauen, zum Teil weinend, kamen einzeln und in Gruppen - gut, dass die Banditen nicht entdeckt wurden, es war eine Stimmung, die blitzschnell in Lynchjustiz umgeschlagen wäre.

Schließlich waren alle Hefter verbrannt, in der die Sockenabgabe jeder einzelnen Frau von Haus Nr. 1 bis 255 vermerkt war - nun waren sie Asche, die Socken - viele ver- und angebrannt, der Rest durch die ätzenden Schwelbrandgase unbrauchbar.

Mir schossen die Tränen in die Augen, mein Herz klopfte zum Zerspringen, ich musste dieser Realität ins Auge blicken, ich musste und konnte es tragen und ertragen. Es war in Jahresfrist der zweite Brand - unser Haus in Deutschland war am 20./ 21. November 2000 abgebrannt.

Die Flut der Geschädigten aus dem Dorf hörte nicht auf. Am Sonnabend Nachmittag war bei herrlichem Winterwetter im Hof Vollversammlung, fast 80 Frauen waren gekommen - der Brand hat die Frauen näher zusammenrücken lassen. Die Verantwortlichen Cutza, Camelia, Maria hatten bereits am Vormittag zusammengesessen und folgendes beraten:

Alle Frauen melden ihre nicht bezahlten Socken im Zeitraum von August bis Oktober und das wird zunächst festgehalten. Alle Frauen bekommen auf dieser Basis aus Rücklagen die August-Socken innerhalb der übernächsten Woche ausgezahlt - wie bereits geplant. Alle Frauen können wie bisher wieder Socken abgeben, wenn die Räume instandgesetzt sind. Der Schaden wurde im Einzelnen aufgelistet und beträgt insgesamt über 9.500 DM. Die Instandsetzungsarbeiten werden wohl auch annähernd 1.000 DM verschlingen

Und dann kamen die Vorschläge aus der Vollversammlung: Wir stricken 1,2,3... Paar Socken ohne dafür Geld zu verlangen und trage damit zu einem Neuanfang bei, denn wir Frauen sind uns einig, diese Barbarei soll uns unsere Basis nicht zerstören, sie wurde zur Grundlage für das täglich Brot für Viele. Die Frauen einigten sich auf 2 Paar Socken für diesen Wiederaufbau.

Überwältigend viele Frauen wollten sofort mit den Instandsetzungsarbeiten anfangen, trugen sich in Listen ein, für jeden Tag 10 Frauen, waren bereits am Vormittag dagewesen um zu beginnen.

Ich sitze nun zwischen dem Rußverschmierten und versuche zu retten, was zu retten ist und mich wieder von Vielem zu trennen.

Die Täter? Es waren mehrere, es waren auch Männer aus unserem Dorf - und es gibt Beobachtungen, doch niemand will sich äußern, denn es gibt auch viel Angst untereinander, Feindschaften seit Jahrzehnten.

Unsere Aufgabe wird sein: den Zusammenhalt und die Solidarität der Frauen zu stärken, die Ruhe zu bewahren - im Gebet Gott um Führung und Lenkung zu bitten, denn "der Friede der Welt (und hier im Dorf) muss in unserem Herzen, in unserem Hause den Ursprung nehmen" (Reinh. Schneider).

Schalom, Harald

Wenn Ihr diesen Neuanfang finanziell unterstützen wollt, könnt, dann überweist Eure Hilfe auf das Konto "Frauen stricken Socken" Nr. 787280 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft BLZ 520 604 10, Stichwort: FEUER

Unser Spendenkonto für unsere Arbeit im allgemeinen hat die neue Nummer 3700 283 bei der Ökobank, BLZ 500 90 100. Bitte nicht verwechseln.

Vorbemerkung zum Artikel "Die Haiduken der Jahrtausendwende?"

Von Hellmut Schmitt

Vor der Wende lebten die Bewohner dieses Dorfes im Norden Rumäniens erheblich besser. Ein Großteil, vor allem Frauen, arbeiteten in der "CAP" - der LPG, einer Teppichweberei und Schneiderei im Ort, die Männer in der Mine von Borsa, im Ocolul Silvic (dem staatlichen Forst), ein kleiner Teil arbeitete in der Fabrik für Elektromotoren im benachbarten Ort oder bearbeiteten den ihnen noch verbliebenen Grund. Die Leute aus der Maramures sind schon seit Jahrzehnten als Schnitter und Erntehelfer (weil fleißig) in anderen Kreise gefragt - auch heutzutage - einige verdienen ihr Geld auf den Baustellen der Hauptstadt.

Davon ist heutzutage für die meisten nur noch der eigene Grund und die Arbeit als Erntehelfer geblieben. Das Bergwerk hat nur noch eine Rest-Belegschaft, die staatliche Forstbehörde hat große Teile der Wälder zurückgegeben, die Elektromotoren-Fabrik sowie Schneiderei und Teppichweberei wurden geschlossen.

So sind die meisten der Bewohner arbeitslos, leben von ihrer Subsistenz-Landwirtschaft mit einem Schwein, vielleicht zwei Kühen, Hühnern und Gänsen, das ist alles. Zuviel zum Sterben und zuwenig zum Leben. Kredite aufzunehmen ist zu gefährlich, weil die Banken sofort den Besitztitel auf die verpfändeten Häuser geltend machen. Das will keiner riskieren.

Tourismus ist bis jetzt noch nicht in dieses Gebiet gedrungen. Es gibt andere, schöner gelegene Dörfer als so ein Riesendorf mit fast 6.000 Einwohnern und alle Häuser möglichst eng an die sechs Kilometer lange Dorfstraße gedrückt.

Jugendliche gehen zehn Klassen zur Schule, ein teil auch bis zur zwölften und dann zum Studium. Dies kann sich aber heute nur noch ein Bruchteil leisten. Ein Großteil der Jugendlichen geht ohne jede Form von Bildung oder Wissen nach zehn Klassen ab und sitzt dann - ohne jede Möglichkeit der Ausbildung - auf der Straße. Hat so ein Jugendlicher Glück, dann ergattert er sich eine der Stellen mit einem Hungerlohn von 500.000 Lei (40 DM) oder sogar dem Doppelten. (1kg Brot, 1 Margarine je 8.000 Lei, 1 Liter Öl 22.000 Lei). Dies ist jetzt schon die zweite Generation, die ohne Arbeit heranwächst und sich irgendwie durchschlagen muss.

Der Durchschnittsverdienst der Rumänen liegt nur bei offiziell 3 Mio Lei. Aber von soviel kann ein auf seine eigene 2ha-Wirtschaft zurückgeworfener Kleinbauer nur träumen. Diese Verwerfung durch den Sturz des Diktators hat die sonst eher sesshaften, gläubigen (orthodox meist) und clan-orientierten Bewohner stark verarmen lassen. So sind sie eine gute Zielscheibe für die Politik Illiescus (PDSR) oder des ultrarechten Vadim Tudor (PRM).

Die Dorfbewohner trinken gerne, Männer wie Frauen, was sie auch schon früher gerne taten. Und wenn kein Geld da ist, dann lässt man eben anschreiben. Dicke Hefte geben Auskunft über den Zustand des Dorfes und seiner Schuldner. In diesem Sinne geht der Zerfall der ökonomischen Strukturen nicht mit dem der sozialen parallel. Die Dorfstruktur verändert sich aber, wenn schlagartig ein Großteil der jungen Leute nicht mehr da ist und auch die Männer und Frauen im mittleren Alter stark ausgedünnt sind, nur noch die Alten auf Kinder und Enkel aufpassen und Haus und Hof versorgen.

"Die Haiduken der Jahrtausendwende?"

Von Hellmut Schmitt

Ein ganz gewöhnliches Dorf im Norden Rumäniens: Giulesti. Hier in den Bergen muss man für seinen Lebensunterhalt hart arbeiten, denn der Boden gibt nicht viel her. Seitdem es keine Kollektivwirtschaft mehr gibt, suchen viele - vor allem die Männer - neue Wege, um ihren Lebensunterhalt ohne schwere Arbeit zu finanzieren. In einer kleinen Schenke am Rand der Hauptstraße sitzen Männer im schummrigen Licht und erzählen Geschichten von ihren Diebstählen in Deutschland und Frankreich: Nachdem es mit den Parkometern nicht mehr klappte, hatten sie sich den öffentlichen Telefonen und Fotoautomaten zugewandt, erzählt Mihai, ein junger Mann mit blonden Haaren und dunkler Kleidung, die ein wenig abgewetzt erscheint. Diese wurden mit Silk so präpariert, dass sie das eingeworfene Geld wieder herausholen konnten.

Man spinnt den Gesprächsfaden weiter: Von Angeboten der Mafia an Rumänen in Frankreich ist die Rede, für 350.000 Mark einen LKW mit Drogen irgendwohin zu fahren (was diese aber abgelehnt hätten) und warum gerade 20 Polizisten bei der Einweihungsfeier der neuen Pension im Dorf anwesend waren? In Frankreich waren 5 Pistolen gestohlen worden, Interpol hatte die Spur bis ins Tal hier verfolgt und der Kreispolizei darüber eine Mitteilung gemacht.

Da wird sicher die eine oder andere Flunkerei dabei sein, aber allein in Frankreich müssen sich Hunderte von Rumänen nur zum Stehlen aufhalten, in eng belegten Zimmern. Die beste Zeit dafür liegt in den Sommerferien, wenn die Städte entvölkert sind, aber auch danach lohnt sich ein Aufenthalt.

Vor kurzem war wieder ein Bus mit Jugendlichen unter 18 Jahren nach Frankreich abgefahren, die aufgrund ihrer Minderjährigkeit nicht bestraft, sondern nur abgeschoben werden, fast alle Kinder armer Eltern. Sie sind schulmüde oder schon aus der Schule und haben keine Berufsausbildung - wo sollten sie die schon erhalten? Und nun fahren sie in den goldenen Westen. (...)

Schon einige Familien sind nach der Wende durch derartige Aufenthalte wohlhabend geworden. Man baut sich ein neues Haus, stellt sich ein Auto vor die Tür und hat Startkapital für eine neue Existenz. Natürlich hat all dies schon Tradition: Die Haiduken, Räuber, die im 18. und 19. Jahrhundert ihr Zuhause verließen und sich gegen die Obrigkeit auflehnten, die Reichen plünderten und den Armen halfen, könnten ihre Ahnherren sein. Genauso ging es mit den rumänischen Dieben in den Heilbädern der Zwischenkriegszeit weiter. Diese Tradition lebte fort im Kommunismus, wo jeder - auch in den Dörfern - sich nach Kräften bediente, was aber inzwischen schon der Vergesslichkeit anheimgefallen ist - "damals herrschte überall Disziplin und Ordnung".

Es gab drei Märsche der Bergarbeiter aus dem Schiltal nach Bukarest. Jeder von ihnen endete in Gewalt, eingeschlagenen Scheiben, geplünderten Geschäften und Angst. Beim letzten Marsch der Bergarbeiter nach Bukarest 1999 zahlten die dortigen Händler den Polizisten dreieinhalb Monatslöhne, damit sie jene aufhielten. So war es dann auch und die Bergarbeiter mussten vor der Hauptstadt wieder umkehren.

Heute hängen zwar noch in vielen Dörfern die Torschlüssel an einem Faden hinter dem Tor und die Hausschlüssel sind kaum besser versteckt, doch kommen langsam in Rumänien bei den Reichen auch die Errungenschaften der Sicherungstechnik an. Zäune und Mauern werden unüberwindbar - so als müssten sie das oft zu leicht Erworbene ganz fest halten. Hunde bellen im Hof. Man separiert sich vom Nachbarn, schafft sich Raum, der stärker als der frühere Hofraum abgeschottet ist. Fragt man die alten Leute, die abends und feiertags auf der Bank vor ihren Häusern sitzen, erhält man widersprüchliche Aussagen: Die einen sagen, früher war alles besser und erst jetzt sähe man, wohin das mit der Wende führen kann. Für die anderen gab es schon früher Diebstähle - auch schon in der Zwischenkriegszeit und vorher - Diebe, die wie die Haiduken die Reichen beraubten und umverteilten und Leute aus dem Dorf, die ihren Nachbarn ohne Hemmungen bestahlen.

In einer stark von der orthodoxen Kirche geprägten Gesellschaft ist ein derartiges Verhalten eigentlich ungewöhnlich. Aber die Kirche äußert sich auch jetzt nur ganz nebulös zu den Diebstählen ihrer Schäfchen, nennt die Dinge nicht beim Namen. Es gibt Fälle, wo sich Leute durch eine größere Zuwendung von der Sünde freikauften. Aber darüber spricht man nicht. Das macht man oder lässt es. In der Bar von Giulesti wird kein Wort darüber verloren.

Plötzlich klingelt das Telefon. Mihai ruft aus Frankreich an, will unbedingt mit Leuten aus Giulesti reden. Dass Rumänen Meister im Umprogrammieren gestohlener Mobiltelefone sind, versteht sich von selbst. Dass sie aber immer wieder Möglichkeiten entdecken, in die bestehenden Netze einzudringen und dann kostenlos telefonieren, ist schon etwas komplizierter und delikater.

Der jüngere Mann mit den blonden Haaren und der abgewetzten Hose fragt den älteren, wie sie es geschafft hätten, die Juwelierläden mit Gullydeckeln zu plündern. Der kleine schnauzbärtige Dunkelhaarige gerät richtig in Fahrt, wie schlau sie es angestellt hatten. "Und die Leute, die geschnappt werden?", fragt die Wirtin den Blonden, während sie die Gläser spült. "Denen geht es ja unglaublich gut. Im Gefängnis erhältst Du Essen, ein sauberes Bett, kannst fernsehen und darfst arbeiten. 1200 DM hat ein Freund von mir in einem Knast in Deutschland pro Monat erhalten, das könnte er hier nie verdienen."

"Das wären ja fast 15 Millionen Lei !", ruft der kleine Vasile dazwischen und sein Vater kratzt sich bedächtig am Kopf. "Aber irgendwie kommen doch alle mit einer Macke von solchen Touren zurück" - entgegnet die Wirtin - "gestern war Gheorghe hier, der drei Jahre in Frankreich war zum Stehlen. Als er genug getrunken hatte, legte er sich auf den Tisch, hielt seine Hände vors Gesicht und stöhnte, als wollte ihn jemand schlagen. Heute kann er sich an nichts mehr erinnern. Und als er aus Frankreich zurückkam, hast Du da sein Haus gesehen? Alle Fenster, das ganze Mobiliar kurz und klein geschlagen, was seine Frau gerade angeschafft hatte. Die sind nicht mehr dieselben, da kannst Du mir erzählen was Du willst."

Auch Lucian sitzt dabei, ungefähr 35 Jahre alt, gekleidet wie die anderen, und schweigt. Er hatte seiner Frau einen Fernseher mit Bekannten geschickt, der hohl war und voller Schmuck. Jetzt kann sie jeden Tag einen anderen Ring tragen - wenn sie will. Ein neues Haus ist auf der gegenüberliegenden Straßenseite gebaut, zwei Autos im Hof, Geld auf der Bank. Sein Freund, mit dem er in Frankreich war und der Chef einer Bande aus Rumänien war, ist noch dort. Dessen Bruder wartet auf Geld, verleiht es und erhält gute Zinsen dafür. So hat sich die Familie in den letzten Jahren eine Menge Grund zusammengekauft. Lucian hat noch etwas in Frankreich vergraben, was er nach seiner Abschiebung unter falschem Pass holen wollte. Aber er wurde abermals geschnappt, gerade als er in Frankreich ankam. Er kann warten, bis ihm eine gute Lösung einfällt. Er zündet sich eine neue Zigarette an und bestellt sich einen Likör und ein neues Bier.

Ein verwunschenes Bad im Karpatenbogen

Von Stephan Drube

Wenn der Zug sich so langsam zum Dealul Stefanitei hochwindet, könnte der Fremde glauben, es läge an der starken Steigung. Aber dem ist nicht so: Drei Jahre vor dem Tod Ceausescus war die Strecke zur Reparatur vorgesehen und dabei ist es auch geblieben. Genauso gemütlich, mit allen Variationen an Bremsgeräuschen, geht es dann wieder bergab. Schließlich läuft der Zug im "Gara Iza" ein, den Namen der Station entdeckt man nur, wenn man sein Wagenfenster direkt davor hat, auf einem kleinen Schild.

Aber wir sind noch nicht am Ziel. Wir müssen noch zwei Dörfer weiter mit einem Sammeltaxi, eigentlich nur in die nächste Gemeinde. Aber die, an welcher der Bahnhof steht, fängt hier gerade erst an, und ein Dorf kann sich leicht 5-6 km am Fluss und an der Straße entlangstrecken und so wie der Bahnhof heißt, nennt sich das ganze Tal hier: "Valea Izei", das heißt Tal der Isa. In eine rumänische Dubita einzusteigen, ist nicht jedermanns Geschmack, aber wir haben keine andere Wahl und so schaukeln wir auf Holzbrettern im Laderaum zwischen Flaschen und Taschen im Geruch des Motors und der Waren unserem Ziel entgegen. Gleich am Anfang von Dragomiresti, kurz hinter der Kurve, wo die Auffahrt zu dem kleinen Kloster links nach oben führt, biegen wir nach 300 Metern ebenfalls links ein und tasten uns vorsichtig zwischen einigen großen Steinen auf dem ungeteerten Weg zum Bad vor, in eine Sackgasse: linker Hand das unscheinbare zartrosa-fleckige Gebäude, da Bad, rechts oben auf der Anhöhe das gleichfarbige Gästehaus, wo auch Leute aus den Nachbarkreisen preisgünstig übernachten können.

Vor dem Badehaus sitzen die beiden Alten, Ion und Maria, auf einer Bank. Sie führen das Bad, was der Gemeinde gehört. Das heißt, sie kümmern sich um das Wasser und dessen Erwärmung, putzen die Wannen so gut sie können, führen Buch über die Anzahl der Gäste und nehmen das Geld an. Umgerechnet DM 1,50 zahlt man für ein Bad, die Übernachtung im sehr bescheidenen Gästehaus macht 3 DM, das wären 30.000 Lei. Von dort aus sieht man über das Badehaus hinauf zum Teich, wo sich die Quelle mit dem "pacura" (Erdwachs) sammelt und von wo es je nach Bedarf in einen großen höhergelegenen Tank gepumpt wird. In den Heizkessel fließt s durch Gefälle, der mit Holzscheiten den ganzen Sommer von Mitte Mai bis Mitte September erhitzt wird und an jedem Tag ist man zum Bad willkommen. Gäste, die von weither kommen, machen 2-3 Bäder am Tag und loben die Heilwirkung des Erdwachses.

Aber was ist das nun eigentlich? Wie ist die Zusammensetzung? Kein Mensch kann uns Auskunft geben bis wir schließlich zum "Primar", dem Bürgermeister gelangen. Wir finden ihn in einem graublau verputzten Haus mit drei rumänischen Trikoloren davor und er glaubt, wir wollten das Bad gleich kaufen, Investoren aus "Germania" und er preist die Heileffekte in der gleichen Art wie die Badegäste. Schon in seiner ersten Amtszeit hatte er einen neuen Kessel einbauen lassen und die Verheizung von Reifen eingestellt. Die neuen Wannen und Leitungen gehen auch auf sein Konto. Eine Wasseranalyse? Davon weiß er nichts, es ist Schwefelwasser und für allerlei Krankheiten gut, vor allem für Rheumatismus, aber welche Zusammensetzung? Er zuckt mit seinen Schultern und sieht uns ganz verständnislos an, als wir ihm bedeuten, dass ohne so etwas wohl kein Investor zu finden ist.

An der orthodoxe Kirche und einigen kleinen Läden vorbei gehen wir die Straße zum Bad zurück, fast bis zum Holzschild der rumänisch - belgischen Dörferpartnerschaft. Dann biege wir rechts in eine kleine Straße ein, gehen ein paar schindelgedeckte Häuser entlang, durch Obstgärten und Felder auf die Anhöhe zum Gästehaus. Von dort oben gibt es den schönsten Blick über Dragomiresti, die silberne Spitze der orthodoxen, danach der Holzturm der griechisch - katholischen Kirche im traditionellen Stil der Maramuresch, in der Ferne glänzt der Spitzturm der orthodoxen Kirche von Bogdan Voda, welcher das Riesenschiff noch überragt, bei gutem Wetter gekrönt von einem Hügelrücken und einer Bergkette, welche die Grenze zur Ukraine hin bildet. Im feinen Licht des Abends (oder auch des Morgens) kann man lange den Blick schweifen lassen und sieht sich nicht satt, so vielfältig sind Besiedlung und Landschaft. Fuhrwerke, Lieferwagen und Busse lärmen von der Straße her, Rufe der Viehhirten und Kinderstimmen mischen sich dazwischen.