Rumänien Rundbrief von Andreas Merker
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Rumänien-Rundbrief Nr. 24 - Winter 2005

Der Rumänienrundbrief

...will Informationen verschiedenster Art über Rumänien vermitteln. Er wendet sich sowohl an Touristen als auch an andere interessierte Personen. Die Bandbreite reicht von Reisetipps und Informationen über Projekte und Hilfsorganisationen bis hin zu politischen, geschichtlichen und kulturellen Themen. Ein wichtiges Ziel ist die Vernetzung von Initiativen und Einzelpersonen, die sich mit Rumänien beschäftigen. Diesen soll der Rundbrief als Sprachrohr dienen.

Im Rundbrief kann jeder veröffentlichen, Honorar kann jedoch nicht gezahlt werden. Der Rundbrief erscheint zweimal im Jahr. Er wird ehrenamtlich erstellt, die Einnahmen sind für Druck, Papier und Postgebühren.

Abos über 4 Ausgaben kosten 10 Euro, darüber hinausgehende Spenden sind gern gesehen. Mehrfachbesteller zahlen ab 4 Hefte 1,50 Euro pro Heft. Alte Ausgaben gibt es, solange der Vorrat reicht. Leser/innen in Rumänien können den Rundbrief bis auf Widerruf kostenlos beziehen.

Abo-Bestellungen bitte an: Rumänien-Rundbrief, Ludwigstraße 37, D-06110 Halle/S., Fax 0345-1701241, oder per E-Mail: rumaenienrundbrief@web.de. - Texte per Email bitte an: rumaenienrund-brief@web.de oder per Post (Dateien auf Diskette oder CD) an: Jens Welscher, Schopenhauer-str. 27, 99423 Weimar.

Inhaltsverzeichnis

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Chefredakteur ist schwer mit der Eröffnung seines Naturkostladens beschäftigt, deshalb kommen die einleitenden Worte heute von seinem Stellvertreter...

Diesmal sind wenig Artikel eingegangen, dafür sind diese aber um so mehr thematisch breit gefächert. Etwas Aktuelles zur Vogelgrippe gibt es anscheinend nicht zu berichten - dann interpretieren wir das als ein souveränes Verhalten aller Rumänien-Erfahrenen, die sich von der Panikmache um dieses Thema nicht verrückt machen lassen. Ich selbst war Anfang Oktober in Rumänien und bin trotz Verzehr von Hühnerfleisch wohlbehalten zurückgekehrt. Was mir noch auffiel: An den Grenzübergängen wird jetzt fairerweise auf die Rovignettenpflicht hingewiesen, was in der Zeit um Ostern herum noch nicht der Fall war. Und man kann sie auch ganz normal an der Tankstelle kaufen.

Nun  noch der bekannte Hinweis zu Veröffentlichungen im Rundbrief: Jeder kann Beiträge zur honorarfreien Veröffentlichung vorschlagen und haftet dabei für Wahrheitsgehalt und die Bestimmungen des Urheberrechts. Ich gehe davon aus, dass mir mit der Zusendung die Erlaubnis zur Veröffentlichung erteilt wird (incl. Veröffentlichung im Internet und Versand per E-Mail). Falls das nicht zutrifft, bitte deutlich kennzeichnen.

Vielleicht fällt es Leuten mit geübtem Auge auf: Die 2 im Rundbrief verwendeten Schriftarten haben gewechselt. Die Schrift für den Fließtext, der mengenmäßig am häufigsten vorkommt, ist jetzt serifenlos ("ohne Füßchen"). Damit können auf der relativ rauhen Papieroberfläche auch keine Füßchen mehr wegbrechen, und der Text wird hoffentlich besser lesbar. Viel wichtiger ist aber die Verfügbarkeit von Sonderzeichen, die nun endlich vollständig gegeben ist. Hoffentlich habe ich sie auch richtig gesetzt und keines vergessen...

Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch und Ihnen

Jens Welscher

Ceauşescu, Dracula und Waisenhäuser?

Das Image Rumäniens in Deutschland

Von Kathrin Kissau

Vertreter der rumänischen Regierung, Tourismusorganisation sowie die Bevölkerung Rumäniens sehen einige der momentanen Probleme des Landes oft in einem schlechten Image Rumäniens im Ausland begründet. Daher galt es zu überprüfen, ob tatsächlich ein solch negatives Image von Rumänien auch in Deutschland existiert und welche möglichen Konsequenzen dies hat. Hierzu wurde im Jahr 2004 am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster eine Studie durchgeführt. Bei dieser wurden 70 Bundesbürger zu ihrem Rumänien-Image befragt.

Das Image einer Nation ist eine sehr komplexe aus drei Teilen bestehende Einstellung. Sie setzt sich aus Wissen und Emotionen in Bezug auf eine Nation zusammen; gemeinsam beeinflussen diese auch das darauf bezogene Verhalten. Wie ein Image entsteht kann sehr unterschiedlich sein, denn im Grunde kann fast jedes Ereignis beziehungsweise jeder Gegenstand zur Formung eines Images einer anderen Nation beitragen (vgl. Kunczik 1990: 4). Nicht nur historische oder aktuelle Ereignisse, sondern auch berühmte Persönlichkeiten, kulturelle Schätze und auch wirtschaftliche oder militärische Macht können dabei eine Rolle spielen. Auch die Informationsquellen sind vielfältig: Neben direktem Kontakt mit Land und Leuten z.B. bei Reisen sind häufiger noch Erzählungen von Bekannten, Darstellungen im Fernsehen oder in der Literatur entscheidend.

Rumäniens Image in Deutschland hat sich nun im Verlauf der letzten 100 Jahre sehr gewandelt: In der Literatur wurde von Rumänien noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein recht positives Bild vermittelt. Dieses veränderte sich mit dem 1. Weltkrieg drastisch. Die Darstellungen Rumäniens wurden von diesem Zeitpunkt zunehmend negativ. Ob für diese Entwicklung nun der vermeintliche Verrat des Königreichs Rumänien durch den Eintritt in den Krieg 1916 auf der Seite der Alliierten verantwortlich ist (vgl. Golczewski 1981: 119), oder die Instrumentalisierung des gesamten Balkans als "Europas bequemes Vorurteil" (Todorova 1999: 1) - als chaotisches und gefährliches Gegengewicht zum entwickelten Teil Europas - ist umstritten.

Einen Eindruck vom aktuellen Bild Rumäniens liefern die Ergebnisse der in Münster durchgeführten Befragung: Diese lassen sich in fünf Hauptaspekte zusammenfassen:

Historische und vergangene Ereignisse in Rumänien sind bekannter als aktuelle Entwicklungen.

Der allgemeine Kenntnisstand der Befragten über Rumänien ist gering, insbesondere was neuere Ereignisse und Entwicklungen in Rumänien angeht. Dies wurde von der Selbsteinschätzung der Studien-Teilnehmer bestätigt, die ihre Kenntnisse ebenfalls als unzureichend bewerteten. Sie konnten sich an den Diktator Ceauşescu erinnern und wussten von den deutschstämmigen Siebenbürger Sachsen. Bekannt waren zusätzlich Rumäniens anhaltende Probleme mit Armut, Korruption und Umweltschutz. Weniger informiert waren die Befragten über die positive wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre oder den angestrebten EU-Beitritt. Gleichfalls hatten die meisten noch nichts von der NATO-Mitgliedschaft oder den bedeutenden Kulturdenkmälern Rumäniens gehört.

Die Einstellung zu Rumänien ist geprägt von Negativität und Desinteresse.

Die persönliche Einstellung der Befragten zu Rumänien war tendenziell eher abgeneigt. Einigkeit herrschte bei der Einschätzung, dass Rumänien weltweit kein hohes Ansehen besitzt. Rein gefühlsmäßig wurde Rumänien von den Meisten als auf keinen Fall zur EU passend oder zugehörig empfunden, da sie dieses Land für wenig zukunftsorientiert oder modern hielten. Neben eingeschränktem Wissen und der negativen Haltung Rumänien gegenüber berichteten viele der Befragten zusätzlich von ihrem generell fehlenden Interesse am Land.

Kontakt zu Land und Leuten kommt höchstens im Urlaub in Frage.

Wegen der schönen Natur in Rumänien Urlaub zu machen kommt für die Befragten noch am ehesten in Frage. Aus beruflichen Gründen dorthin umziehen, würde die Mehrheit der Befragten jedoch auf keinen Fall. Als Gründe wurden hierfür unter anderem angegeben, Rumänien sei ein schönes, dafür aber ein armes und unsicheres Land, dessen Sprache man überdies nicht spreche.

Rumänien wird pauschal schlechter bewertet als die übrigen europäischen Nationen.

Rumänien schnitt im direkten Vergleich zu anderen europäischen Nationen am schlechtesten ab. Der unmittelbare Nachbar Bulgarien wurde sogar auch noch besser bewertet. Im Gegensatz zu Deutschland wird Rumänien als ärmer, gefährlicher, rückständiger, weniger demokratisch, ungebildeter und unordentlicher beschrieben. Die Möglichkeiten für deutsche Unternehmer in Rumänien zu investieren, schätzten die Befragten als gering ein. Die Bedeutung Rumäniens für Deutschland wurde deshalb als eher unwichtig gewertet.

Vorstellungen und Wissen von Rumänien hat vielfache Quellen.

Als wichtigste Quellen für Informationen über Rumänien ergab die Befragung an erster Stelle Fernsehen, gefolgt von Zeitungen, Schule, Erzählungen von Familienangehörigen und Freunden sowie Bücher. Dabei konnten sich nur wenige an konkrete Rumänien bezogene Sendungen oder Ereignisse erinnern. Dies entspricht dem Mechanismus der Entstehung von Images im Gehirn: Informationen zur Bildung von Nationen-Images werden nämlich meist nebenbei aufgenommen, Einstellungen werden unbewusst und nicht explizit gebildet. Eine eindeutige Hauptquelle für imageprägende Aussagen ließ sich nicht ermitteln, was jedoch aufgrund der vielfältigen Einflussfaktoren und relevanten Informationskanäle für Nationen-Images auch zu erwarten war.

Insgesamt sind die negativen Aspekte des Images in einigen Punkten zwar noch angemessen,  hätten aber vor zehn Jahren noch eher auf die Realität zugetroffen. Völlig außer acht gelassen wird jedoch die positive vorwärtsgewandte Entwicklung Rumäniens in den letzten Jahren, die Rumänien immerhin für einen EU-Beitritt qualifizierte. Gerade die häufige Erwähnung von Ceauşescu zeigt, dass die nach wie vor prägenden Informationen über Rumänien schon einige Jahre alt sind. Es fällt auf, dass die Informiertheit über die gegenwärtigen Entwicklungen in Rumänien unzureichend ist. Dabei kann die ablehnende Grundhaltung (emotionale Imagekomponente) nicht durch zeitgemäßes negatives Faktenwissen (kognitive Komponente) belegt werden. Trotzdem wird die Einstellung aufrechterhalten. Da Nationen-Images über lange Zeit sehr stabil sind, verwundert dieser Befund nicht.

Das Rumänien-Image der Gesellschaft wird sich erst zeitverzögert an neue Gegebenheiten im Land anpassen. Um diesen Prozess zu unterstützen, eignen sich - neben vermehrten persönlichen Kontakten und ungeschönten, aktuellen Informationen - insbesondere die Präsentation von positiven Ereignissen und Entwicklungen, die peu a peu das Bild von Rumänien verändern werden.

Literatur:

Kathrin Kissau ist Doktorandin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster.
Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der interkulturellen Kommunikation und den gesellschaftlichen Auswirkungen der Informationsgesellschaft.
Kontakt unter: (01 75) 8 74 76 55
oder per E-Mail: kissau@uni-muenster.de

Die Ţuica - ein Stück vielgestaltige Volkskultur

Ein Plädoyer für den Erhalt der rumänischen Schnapsbrennerei

von Jens Welscher

Im Zuge der EU-Strukturanpassungen wird in Rumänien das Schnapsbrennen ab 2006 nur noch in begrenzten Mengen für den Eigenbedarf erlaubt sein. 50 Liter pro Familie.

Im Sommer hatte ich das bereits von Freunden erfahren, die diese Information frisch aus Rumänien mitbrachten, Anfang Oktober musste ich es dann "vor Ort" mit meinen eigenen Ohren hören. Und nun, 4 Wochen später, fühle ich mich bei dem Gedanken noch immer unwohl: Die Ţuica, der rumänische Pflaumenschnaps, der Selbstgebrannte, scheint in Gefahr.

Wie streng werden die Kontrollen sein? Wird es Umgehungsmöglichkeiten dieser Vorschrift geben? Wird es doch nicht so schlimm kommen? Wird die genehmigte Menge irgendwann noch weiter reduziert? Da tauchen plötzlich etliche Fragen auf, vor allem aber macht sich Bestürzung breit. Nein, es ist nicht die Furcht vor Engpass, Verzicht oder gar Entzug, die mich umtreibt, sondern die Angst um ein Stück rumänische, wenn nicht gar osteuropäische Volkskultur.

Nun gut, ganz verschwinden wird das private Schnapsbrennen nicht, das zeigen regionale Beispiele in ganz Europa. EU schön und gut, auch das ist kein Thema. Bis auf die Sache mit der Bürokratie, die nun auch an dieser Stelle informelle Strukturen verregelt. Nicht dass es in Rumänien keine aberwitzigen Regelungen gäbe, aber vom Regen in die Traufe, das ist - wieder einmal mehr - absurd und sprichwörtlich. Es muss alles seine Ordnung haben, werden es die Bürokraten nennen, und bei Schwarzbrennerei hört der Spaß auf. Aber auch die Tatsache, dass mit der drastischen Einschränkung der privaten Destillation ein besonderes Stück Kultur und Tradition gefährdet scheint, ist nicht lustig. Andere Länder sind zwar genauso betroffen und müssen sich fügen. Das ist jedoch nur ein sehr schwacher Trost, und dass es ja immer noch industriell gefertigte Ţuica gibt, sowieso.

Die Entwicklung ist noch nicht absehbar, aber die Zeichen stehen schlecht. Ja, ja, es mag gewiss wichtigere Themen geben. Aber so unwichtig ist diese Angelegenheit nicht. Denn dass der Selbstgebrannte in OstEuropa eine besondere Rolle spielt, ist nicht von der Hand zu weisen. Eine Ţuica gehört zu jedem Essen und überhaupt zu jedem Besuch. Sie ist natürlich auch die letzte Rettung, wenn die Gastfreundschaft gerade nichts anderes hergibt, zur Not auch mal morgens halb 10. Wie oft habe ich in meinen 15 Jahren Rumänienhilfe Ţuica gekauft. Die Geschäftsanbahnung, das Ausspülen der Flaschen, der Gang in den Keller, das Ansaugen, die Verkostung - und endlich das Okay, auf dass die ölige Flüssigkeit endlich seelenruhig in die Flaschen fließen darf. Dieses wunderbare Prozedere darf bei keinem Rumänienbesuch fehlen. Ganz abgesehen davon, dass der Ţuicaverkauf für die Menschen in Rumänien eine wichtige Zuverdienstquelle ist. Diese stillzulegen, da Vater Staat auf diesem Vertriebswege nichts daran verdienen kann, wird wohl das vordringliche Ziel der Verordnung sein.

Die Ţuica macht ein wesentliches Stück Lebensgefühl aus, dem auch wir WestEuropäer uns bei jeder Fahrt gen Osten gern hingeben, und das wir noch viel lieber mit in unseren ach so schrecklichen deutschen Alltag nehmen. Der sagenumwobene Selbstgebrannte ist auch ein Stück Öffentlichkeitsarbeit für Rumänien, das nicht nur aus Kinderheimen, Zigeunern und Armut besteht. Ein Stück liebevolle Werbung für Gastfreundschaft, Authentizität und warmherzige Begegnung von Mensch zu Mensch. Gelegentlich bekamen wir Ţuica geschenkt, dann war es nicht selten ein besonders guter Tropfen, mit dem wir uns entsprechend geehrt fühlten. Kenner unterhalten sich über die Ţuica mit einem wissenden und wohligen Schmunzeln. Und Neulinge setzen ein solches - nachdem sie den ersten Schluck tapfer runtergeschütte(l)t haben - gleichfalls auf. Neuerdings fragen auch wieder die Grenzbeamten nach "Ţuica de prune", gleichfalls nicht ohne ein Schmunzeln, wenn man ein vieldeutiges "Mmmh" zur Antwort gibt. So ein Schnaps räumt den Magen besser auf als jedes Reni, und die Pflaumen, Äpfel oder Aprikosen, aus denen er besteht, sind allemal glücklicher als jedes vergleichbare deutsche Obst aus kontrolliertem Anbau. Gekühlt schmeckt er am besten, und heiß mit Pfeffer hilft er gegen Erkältung und Halsschmerzen. Wenn nichts Anderes zum Erhitzen verfügbar ist, tut es auch mal ein Wasserkocher. Zu berichten wäre desweiteren von Destillenbau, Kupferkessel, Gärungsdauer und Lagerung im Holzfass.

Es ist ein eigenes Metier und eine besondere Philosophie, die Liste der Anekdoten und Empfehlungen ist lang. Kurzum: Ţuica gehört zu Rumänien ebenso wie Langoş, Sarmale und Brânză. Wie Wodka zu Russland und Grappa zu Italien. Eigentlich sollte er auch in jedem deutschen Feinkostladen zu bekommen sein, und in jedem Naturkostladen noch dazu. Selbst--gemacht, wohlgemerkt. Das ist das Besondere daran, dieses Extra an Handwerkskunst, Improvisationsvermögen und gutem Geschmack. Alle, die jemals in Rumänien waren, wissen ein Lied davon zu singen. Ich habe 1993 mein eigenes Lied dazu geschrieben, das Ţuica-Lied, welches ich aus gegebenem Anlass gern noch einmal veröffentliche.

Wie gesagt, die Entwicklung ist noch nicht genau absehbar. Aber mit der drohenden Verknappung des selbstgebrannte Ţuica ist ein Stück rumänische Volkskultur in Gefahr. Noch immer empfinde ich diese Aussicht schockierend, und irgendwas in mir schüttelt sofort ein ungläubiges "Nein, das kann und darf nicht sein!" heraus. Was man dagegen tun kann und muss, weiß ich noch nicht. Unterschriftensammlung? Schreiben an EU-Abgeordnete? Exkursion zu Familienbetrieben innerhalb der EU, die legal Schnaps destillieren?

Es wird nicht viel nützen, aber es drängt mich jedenfalls, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Was ich hiermit ganz kurz aber wild entschlossen getan habe.

Noroc, Sănătate şi la multi ani!

Das Ţuica-Lied

Text + Melodie: Jens Welscher (1993)

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Sie ist nicht nur da zum Trinken und Schlucken,
nein, auch zum Gurgeln und zum Feuerspucken.

Bei einer Wunde zum Desinfizieren,
für Eierkuchen, um sie zu flambieren.

Und wenn die Oma den neuen Trick noch nicht kennt,
sieht es so aus, als ob die Tischdecke brennt.

Europa ist größer als Jägermeister.
Da gibt es noch eine, "Ţuica" heißt er.
Supermarktschnaps, das ist Monokultur.
Tuica ist Vielfalt und blanke Natur.

Im Keller vom Häuschen stehen die Fässer.
Wenn ich die sehe, geht's mir wieder besser.

Gütekontrolle ist ein schwerer Posten.
Aber es geht gar nicht ohne Verkosten.
Am Morgen danach keinen Kater, so 'n Wunder -
Top-Qualität, und ich bin viel gesunder.

Ist mal ein Tag gar nicht mehr zu ertragen,
muß ich den Lebens- und Flaschengeist fragen.

Bin ich am Abend bei Freunden geladen,
basteln wir schon wieder an neuen Taten.

Kein Anlaß zum Trinken, das wär' ja noch schlimmer.
Grund für gesunde Ernährung gibt's immer.

Tuica ist Pflaume von glücklichen Bäumen.
Freiheit und Anarchie, Lachen und Träumen.

Tuica ist Singen und Springen und Scherzen,
Kultur von ganz unten und Frohsinn von Herzen.

Tuica ist Frieden und Patriotismus,
Völkerverständigung und Tuicanismus.

Bild: neben einem Kiosk morgens halb 10 in Buşteni, am Fuße des Bucegi-Gebirges (Oktober 2004)

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Pur si simplu

im Rumänischen: Einfach so, Nichts weiter als oder So ist es eben

ein Dokumentarfilm von Antje Grez

Deutschland/Rumänien 2004

Länge: 75 Minuten

Sprache: Rumänisch mit deutschen Untertiteln

Alltag in Rumänien zwischen Plattenbauten, staubiger Großstadt und mies bezahlten Jobs: Rupi, Ionica, George und Dan sind Anfang zwanzig und haben ihre Kindheit gemeinsam in einem rumänischen Kinderheim verbracht. Inzwischen gehen sie getrennte Wege. Mit Witz und einer guten Portion Optimismus versuchen sie im Leben klar zu kommen.

Ein erfrischender, ungewöhnlicher Blick in das Leben junger Leute in Rumänien - 35 km hinter der neuen EU-Außengrenze.

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Copilul e.V.

Hilfe für notleidende Kinder in Fagaras/Rumänien

Ahrensburger Redder 21, D 22926 Ahrensburg

Tel.: 0 41 02 - 6 33 46

Spendenkonto: Sparkasse Stormarn,

BLZ 230 516 10, Kto.-Nr. 900 33 293;

E-Mail: info@copilul.de; Info: www.copilul.de

Spenderbrief Nr. 24

"Erfolg hat, wer Gewöhnliches mit ungewöhnlicher Begeisterung tut."

Was der nordamerikanische "Stahlkönig" Andrew Carnegie auf industrielles Unternehmertum gemünzt hatte, lässt sich mühelos auf alle möglichen anderen Lebensbereiche anwenden.

So habe ich letzthin diese "ungewöhnliche Begeisterung" wieder erlebt, als im Mai zwischen Himmelfahrt und Pfingsten fünfzehn Menschen von Ahrensburg und Großhansdorf aus eine Hilfsgüterfahrt nach Făgăraş/Fogarasch in Rumänien unternahmen: In drei Tagen vier europäische Länder im Auto zu durchqueren ist heutzutage durchaus nicht mehr ungewöhnlich - aber zehn Tage lang in einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Männlein und Weiblein zwischen 24 und 68 Jahren, die alle ihre Zeit und ihr Geld darauf verwenden, Menschen in Not zu helfen, so unermüdlich begeistert, gut gelaunt und "bei der Sache" zu erleben ... das ist ungewöhnlich ... und das erlebe ich doch immer wieder ... und so halt auch in diesem Frühjahr. Von dieser Maifahrt will ich hier kurz berichten:

Während die "Siebenbürgenhilfe Großhansdorf" sich um ihre Projekte "Altenhilfe", "Armenküche" und "Essen auf Rädern" kümmerte, besuchten "unsere" Leute die Projekte mit "Copilul"-Beteiligung, also:

Ausführlich von allen unseren Projekten zu berichten fehlt hier der Platz - in wenigen Tagen werden ausführliche Berichte auf unserer Homepage zu lesen sein: www.copilul.de.  Zusammenfassend kann man sagen: Wir fanden alle Projekte "am Leben"  --  und wir sahen zugleich in allen Fällen die dringende Notwendigkeit weiterer Hilfen!

Als Beispiel möchte ich hier nur ein paar Zeilen aus dem Bericht einer Mitfahrerin zitieren:

" ... Wir begleiteten Dieter Stampf bei seiner Aufgabe, den Familien (alles Mütter ohne Väter) die 25 Euro (=900.000 Lei) Patenunterstützung zu bringen. Drei Neuaufnahmen ins Patenprojekt konnten wir so in Augenschein nehmen und uns von ihrer Bedürftigkeit überzeugen: kein Wasseranschluss, enge Einzimmerwohnungen, verkommene Gemeinschafts-Sanitärbereiche - ohne Licht, dafür mit Fäkaliengeruch, ungenügende Bettstellen, Arbeitslosigkeit der Mütter, fehlende Väter ... In einigen Wohnblocks fehlen Fensterscheiben und Türen im Treppenhaus, hier geht man auf rohem Beton bis zu vier Stockwerke hoch und fragt sich, ob man wohl heil wieder hinunter gelangen wird.

In einem "Abrisshaus"  wohnen bis zu 25 Familien illegal, im gemeinsam genutzten Waschraum/WC klafft ein metergroßes Loch in der Wand, wo normalerweise ein Fenster sich befinden sollte, die Wände sehen aus wie im Rohbau, ein Loch im Boden deutet darauf hin, dass  hier mal ein großes Waschbecken gestanden haben muss. Es muss ziemlich scheußlich sein, hier seinen Bedürfnissen nachzugehen! Uns freute daher umso mehr, hier in den besuchten Familien freundliche, neugierige Kinder anzutreffen, die den Umständen entsprechend doch in gutem Pflegezustand zu sein schienen. Das Dach einer Wohnung ist trotz Reparatur im vergangenen Jahr noch immer undicht. So regnet es noch immer in die Wohnung. Es schimmelt im hinteren Raum so schlimm, dass dieser unbewohnbar ist. Er wird jedoch dringend benötigt, um die zur Zeit im Kinderheim lebenden 2-jährigen Zwillinge nach Hause holen zu können.

Erschüttert sind wir über das rücksichtslose Bauen im Innenstadtbereich, das zur Folge hat, dass eine Kleinfamilie (Oma mit 4 ½-jährigem Enkelsohn) vom Tageslicht und von jedem Sonnenstrahl völlig abgeschnitten ist. Eine Mutter hat keine Heizung, nutzt stattdessen einen Kanonenofen zum Kochen und Heizen - wenn sie genügend Brennholz beisammen hat ...

In den Wohnblocks mit den offenen Rohbau-Treppenhäusern ein paar Meter weiter sitzen die Menschen in den Laubengängen vor ihren Winz-Wohnungen, manche sitzen an ihrem Fenster, starren irgendwie hinaus, warten, sitzen, gucken ... Ich würde gern dies alles ablichten, festhalten, diese Eindrücke bildlich mitnehmen und anderen zugänglich machen - doch ich geniere mich, dieses mir ungewohnte Wohn-Elend abzulichten. Ich möchte den Leuten nicht zu nahe treten, ihnen nicht den Rest ihrer Würde nehmen. Ich denke und fühle, dass wir hier "am Ball bleiben" müssen ..."

Und so fahren wir zurück nach Hause mit dem festen Vorsatz, "am Ball zu bleiben", weiter zu helfen. Doch all unsere Hilfe wäre nicht möglich, wenn nicht hier, in Ahrensburg, in Großhansdorf, in der näheren und weiteren Umgebung immer wieder Menschen bereit wären, "das Gewöhnliche mit ungewöhnlicher Begeisterung zu tun..."

Dafür bedanke ich mich im Namen des Vorstands und des ganzen Vereins bei allen bisherigen - und voller Hoffnung und Zutrauen auch bei allen künftigen - Spendern von Herzen! Ihre Spende ist unsere Hilfe, die so notwendig ist.

Herzliche Grüße,

Achim Keßler-Binder              (9. Juni 2005)

Blutet Rumänien aus?

Pressemitteilung von: Depesche Don Demidoff

(openPR) - Ca. 23 Millionen Einwohner hat Rumänien. Doch 1 Million Rumänen sind allein nach Italien ausgewandert, das sind 37,2% aller Auswanderer, die Rumänien verlassen haben. Nach dem Exodus der Siebenbürger Sachsen in den Jahren 1989 bis 1991 verlassen nun auch zu viele Rumänen ihr Land und suchen ihr Glück in den anderen Teilen Europas. Für das Jahr 2015 erwartet das Statistische Amt Rumäniens eine Zahl von 5,5 Millionen Rumänen, die nach Italien auswandern.

44,8% der Rumänen arbeiten in Italien in der Industrie. Sie fliehen vor den katastrophalen Bedingungen und Gehältern in ihrem eigenen Land. So beweist sich, was die Depesche DD schon in früheren Meldungen publizierte: nicht Rumänien wird von der Eingliederung in Europa profitieren, sondern das Globalkapital, das die Standorte schliesst und in Rumänien neue Ansiedlungen vollzieht, um von den Niedriglöhnen im armen Rumänien zu profitieren.

Die Diktatur des Euro-Kapitals ist menschenverachtend.

Aber in Italien sind die Rumänien auch nicht geliebt. Man kritisiert dort viele unzivilisierte Verhaltensformen. Die Zeitung "Republica" publizierte:  "Wir sind keine Rassisten, aber wir wollen keine Rumänen mehr". Und die Zeitung "La Stampa" berichtet von barbarischen Aktionen der Zuwanderer. So wollten Rumänen ein 5-monatiges altes Kind von Touristen am hellichten Tag auf der Strasse stehlen.

Der Strassenpriester Pater Don Demidoff ICCC lebt und arbeitet seit 15 Jahren in Rumänien. Er sieht keinen Lichtblick, dass sich das Land, das von dem Tyrannen-Ehepaar Ceauşescu auch mental in die Knie gezwungen wurde, in den nächsten Generationen ändert. Weihnachten 2005 jährt sich die Hinrichtung des Tyrannen-Ehepaares im Jahr 1989.

dondemidoff@web.de

www.depeschedondemidoff.com

Fundatia Sf. Don Bosco

507045 Cincu Romania

Telefon +40 268 244 250

Fax +40 268 244 222

In Rumänien wird die Würde der Menschen nicht geachtet

Warum will die EU unbedingt Rumänien integrieren? Wer profitiert davon: die EU oder Rumänien? Oder niemand?

Pressemitteilung von: Stiftung Pater Don (vom 7.9.2005)

Kurz vor dem Eintritt Rumäniens in die Europäische Union hat die "Ständige Delegation der Europäischen Kommission in Bukarest" eine IRSOP-Umfrage in Auftrag gegeben. Das Ergebnis ist erschütternd. 95 Prozent der Befragten erklären, die "soziale Würde der Menschen in Rumänien würde nicht geachtet". 15 Jahre nach dem sogenannten Fall des Kommunismus erklärt die Mehrheit der Menschen, dass sie ihr Leben ohne "Schmiergeld" nicht einrichten könnten und fordern die Wiedereinführung der Todesstrafe. Der Priester Don Demidoff (ICCC) schildert in seinem Buch "Der Dornenpriester" (ISBN 973-0-03816-3) auch die Praktiken der Korruption. Das Buch wird von den Medien totgeschwiegen. (siehe auch openPR: Don Demidoff) 69 Prozent der Befragten haben Angst vor dem Ansteigen der Preise und dem dramatischen Verfall ihres Lebensstandards und 55 Prozent sehen im politischen Pluralismus keinerlei Vorteil. Und nur ein Drittel der Befragten begrüßt die Möglichkeit ohne Visa ins Ausland reisen zu können.

Don Demidoff, der seit 15 Jahren in Rumänien Strassenkinder auffängt, warnt ebenso lange die Rumänen selbst vor dem Eintritt in die Europäische Union und der Diktatur des Global-Kapitals. In seinem Buch legt er dar, dass die Kapital-Diktatur weitaus unmenschlicher ist, als die kommunistische Indoktrination, die schon gravierend genug ist. Demidoff hat in Rumänien über 80 Prozesse für seine Stiftung, die Strassenkinder und arme Menschen geführt und stimmt mit 85 Prozent der Befragten Rumänen überein, dass sie keine Chance haben, von der Justiz korrekt behandelt zu werden. Die Rumänen selbst (58%) sagen, dass Vetternwirtschaft und Einmischung der Politik in die Justiz auf keinen Fall ausgeschaltet werden können.

Kontakt: dondemidoff@web.de

Fundatia Casa Don Bosco / Stiftung Pater Don

507045 Cincu Rumänien

Telefon +40 268 244 250

Fax +40 268 244 222

Liga für Moralische Wiedergeburt in Rumänien

www.ligarenasteriiromaniei.ro

2 Millionen Kinder in Rumänien hungern

Priester warnt vor Diktatur des Globalkapitals und der EU-Bürokratie

Pressemitteilung vom 11.6.2005

Pater (Father) Don Demidoff, Priester der katholischen Freikirche und Mitglied im ICCC (International Council of Community Churches USA) warnt die Menschen in Rumänien vor einem zu schnellen Eintritt in die Europäische Union. 23 Millionen Menschen leben in Rumänien, 2 Millionen haben dem Land den Rücken gekehrt und verdingen sich in der EU als Second-Hand-Arbeiter. 2 Millionen Kinder hungern in Rumänien und arbeiten und betteln ab 5 Jahre, so das "Internationale Arbeitsbüro" und die UNICEF. (Stand Mai 2005).

Der deutsche Don Demidoff, der seit 14 Jahren in Rumänien lebt und arbeitet, fürchtet, dass die Menschen und die Ressourcen des Landes nach dem Eintritt noch mehr ausgebeutet werden und es überhaupt nicht um die Interessen Rumäniens geht. Jetzt schon ist das Gefälle der Stadtbevölkerung zur Landbevölkerung so gross, dass faktisch in Rumänien zwei Länder existieren. Demidoff fordert die EU-Politiker auf, sich einmal einen Tag und eine Nacht in einem der zahlreichen Dörfer ohne Infrastruktur aufzuhalten, statt in den Nobelherbergen in Bukarest zu wohnen.

Pater Don Demidoff (60) hat die Römisch-Katholische Kirche vor mehr als 30 Jahren verlassen und sich der "Independent Catholic Church" angeschlossen. In Cincu in Transilvanien unterhält er seit 14 Jahren ein Haus für verlassene Kinder, zur Zeit sind es 60. (www.clic-copiii.ro). In Jakobsdorf, einem Zigeunerdorf hat er die alte Basilika aus dem 12. Jahr-hundert im Mai 2005 als oecumenische Kirche eingeweiht und den Zigeunern geöffnet. Don Demidoff ist Präsident der "Liga für die moralische Wiedergeburt Rumäniens" (www.ligarenasteriiromaniei.ro).

In seinem Buch "Der Dornenpriester" (ISBN 973-0-03816-3) schildert er die Wirklichkeit Rumäniens im Jahr 2005 und seinen Streit mit Neokommunisten und Kirchenfürsten. (siehe die "Warnung der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz", von dem streitbaren Priester "Rotkäppchen-Mafia" genannt) In katholischen Kirchen darf Demidoff nicht mehr predigen.

Einer der seltenen Predigttermine in Deutschland ist am Sonntag, den 19. Juni 2005 um 10 Uhr in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in 99974 Mühlhausen.

Kontakt: dondemidoff@web.de

Aufbaufreizeit in Rumänien

Ein Bericht von Cord und Nicole Behrens, Thomas Ehlert sowie Anja-Elsa und Lena-Marie Polzin (Kirchengemeinde Benthe)

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Vom 12.08-24.08.05 sind wir in unsere Partnergemeinde nach Scholten (Siebenbürgen) gefahren, um dort die Fassade des Pfarrhauses zu sanieren. Dabei unterstützte uns ein lokaler Maurer namens Kamikaze.

Wir, das sind fünf Jugendliche aus Benthe, Ronnenberg, Northen und Mathias Wagner aus Karlsburg (Siebenbürgen). Begleitet wurden wir von Pastor Friedrich Strauß. Auf der Fahrt übernachteten wir in Ungarn. An der rumänischen Grenze verbrachten wir 3,5 Stunden und vertrieben uns die  Zeit damit, unseren Autobus Stück für Stück Richtung Grenze zu schieben.

Bild: Hildegard Aber, Scholten (links) und Lena-Marie Polzin (Ronnenberg) bereiten Fensterflügel für den Neuanstrich vor.

In Scholten stießen Pastor Gerhard Servatius-Depner und ein paar Jugendliche aus dem Ort zu uns. Wegen Mariä Himmelfahrt - orthodoxer Feiertag - konnten wir allerdings erst am Dienstag mit der Renovierung des Pfarrhauses anfangen. Dank dieser "Zwangspause" hatten wir Gelegenheit die Umgebung kennenzulernen. So besichtigten wir die Kirchenburgen in Meschen und in Mediasch, die für Siebenbürgen charakteristisch sind und auch die Karlsburger Burg.

In Mediasch machten wir erste Erfahrungen mit dem rumänischen Gemüsemarkt.

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Am Dienstag fingen wir dann gleich richtig mit der Arbeit an. Dank den Anweisungen des Meisters kamen wir gut mit den Arbeiten voran.

Die rumänischsprachige Dorfjugend lernten wir bei der Arbeit auch kennen. Trotz der unterschiedlichen Sprache, die dann und wann zu Missverständnissen führte, war es eine harmonische Zusammenarbeit.

Leider regnete es täglich, was uns aber nicht die gute Laune nehmen konnte. Beim allabendlichen Singen mit Gitarrenbegleitung hatten wir besonders viel Spaß.

Bild: Feierabend. Wir sitzen im Pfarrhaus und singen gemeinsam.
Links vorne Anna und Jenica Gyöngi aus Scholten.
Rechts mit Gitarre: Pfarrer Gerhard O. Servatius-Depner.

Dank der sehr guten Verpflegung durch das angrenzende Altersheim konnten wir auch die kulinarische Vielfalt des Landes entdecken.

Auch mit der Verständigung hatten wir keine Probleme, da dieses Gebiet ursprünglich im 12. Jahrhundert von deutschen Einwanderern besiedelt wurde und die deutsche Sprache hier noch immer gesprochen wird.

Dieser Umstand erleichterte es uns, mit den Menschen im Altersheim und im Dorf in Kontakt zu kommen, denn es war uns sehr wichtig, nicht nur unsere Arbeit fertig zu bekommen, sondern auch die Gegend und die Einwohner des Dorfes kennen zu lernen.

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So aßen wir täglich mit den alten Leuten im Heim und besuchten deutschsprachige Einwohner des Dorfes, die durch frühere Besuche der Gemeinde Benthe schon gute Bekannte des Pastors waren.

Der Heimleiter ermöglichte es uns, an einem Tag einen Bauernhof mit Kühen zu besuchen, wo wir uns dann auch beim Melken versuchen durften.

Der ständige Regen hielt uns zwar nie davon ab, gute Laune zu haben, leider konnten wir aber nicht, wie geplant, mit unserer Arbeit vorankommen, was dann und wann doch etwas Unmut aufkommen ließ.

Bild: Wir gehen dem Pfarrhaus zu Leibe:
Meister Cami Cornel weist die Gruppe ein, wie der alte Putz des  Pfarrhauses zu reinigen ist.
v.l.: Pfarrer Gerhard O. Servatius-Depner, Anja-Elsa Polzin, Cord Behrens, Nicole Behrens

Wir hatten uns vorgenommen, die Fassade des Hauses auszubessern, eine Isolierung gegen Bodennässe anzubringen und alle Fenster und Türen zu reparieren, sowie diese neu zu streichen.

Außerdem kam noch Gartenarbeit hinzu, die wegen des Regens oft unterbrochen werden musste.

Leider konnten wir wegen des schlechten Wetters nicht alle Renovierungsarbeiten, die wir uns vorgenommen hatten, beenden. Aber  das Haus wurde inzwischen durch Kamikaze und die Helfer vor Ort fertig gestellt, so dass unser Ziel, das ursprüngliche Pfarrhaus für alte Menschen als Wohnstätte mit Betreuung herzurichten, letztendlich doch noch erfüllt ist.

Für uns waren die Zusammenarbeit und der gesamte Aufenthalt hier in Scholten eine Erfahrung, die wir sicher noch lange positiv in Erinnerung behalten werden.

Scholten, den 19.8.2005

2 alte Rumänienhasen auf Ostertour

Ein Reisebericht von Jens Welscher

Über Ostern nach Rumänien, mal wieder nach dem Stand der Dinge schauen, die milde Frühlingsluft genießen, dazu einen Hauch von Abenteuerurlaub, und bei all dem natürlich ein bisschen von früher schwärmen. Planmäßig und selbstverständlich wie immer wollten wir eine Gruppe von 8 bis 10 Leuten werden, bei Bauarbeiten im Kinderheim helfen und Unternehmungen mit den Kindern organisieren. Erfahrungsgemäß haben sich immer noch genügend Leute gefunden, auch wenn das manchmal erst wenige Stunden vor Abfahrt klar war. Diesmal scheint es nicht so - nun ja, die Zeiten ändern sich. Aber wir auch, also fahren wir zu zweit, Wolfgang und ich, Jens. Eine Tina aus Berlin hat sich noch gemeldet. Sie hat per Mund-zu-Mund-Propaganda - also auf dem üblichen und besten Wege - vom Kinderheim und der Weimargruppe gehört und will unbedingt mit, hat sich aber im Termin geirrt und wird mit dem Zug hinterherkommen. Sie zweifelt ob ihrer ersten Rumänienfahrt, aber ich habe ein gutes Gefühl und ermutige sie.

Lederhosen an, Sonnenbrillen auf und Mugge an, wir starten am Sonntag 9 Uhr 30. Natürlich nicht ohne originalrumänische Ikone, von denen sich für diese Tour sogar 2 Stück im Auto befinden. Sie haben uns bisher auf vielen Rumänienfahrten beschützt, und als Halbrumänen - diesen Titel darf man nach mindestens 10 Jahren Rumänienhilfe tragen - spüren wir, dass das wirklich hilft. Wir werden die Strecke zweiteilen und in Mosonmagyarovar übernachten. Ja, das ist pure Absicht: Die 5-Uhr-Aufstehquälereien müssen nicht mehr sein und die 1100 km an einem Stück auch nicht. John Lennon singt als erster, Gundis Werkstücke 3 - brandneu - kommt danach: Torero, alle gegen einen. Genauso kommen wir uns vor, wenn wir mit 50 PS und um die 100 km/h über die Autobahn schleichen. Ich kann es lange Zeit nicht glauben, aber mehr geht wirklich nicht. Plötzlich weiß ich auch, warum wir Sonntag fahren: Dank Fahrverbotes an diesem Tag gibt es weniger LkW, die uns überholen und entmutigen können. Es sind bis Chemnitz nur 2 Stück, danach habe ich sie nicht mehr gezählt. Aber wir haben schließlich ein Haus dabei, das ist nun mal nicht ganz leicht, dafür jedoch mit Liegefläche, Kühlschrank, Fußabtretern und Trinkbecherhaltern ausgestattet. Und es hat als Fahrzeug noch weitere Vorzüge, die ich nach und nach zu schätzen verstehe: Die optimale Reisegeschwindigkeit, die bekanntlich bei 95 km/h liegt, stellt sich automatisch ein - ohne Tempomat, versteht sich. Die Außenspiegel sind wahlweise von innen und außen einstellbar, nämlich von innen, wenn man drin sitzt, und von außen, wenn man draußen steht. Und man erreicht vom Beifahrersitz aus mit einem einzigen Griff die gekühlten Getränke.

Es ist sonnig und warm, im Erzgebirge liegt in den Vorgärten noch eineinhalb Meter Schnee. Verschiedene Erinnerungen auf der Strecke, zum Beispiel an jene Ortsdurchfahrt, in der ich im Oktober 1994 geblitzt wurde - so offensichtlich, dass nicht mal ein Verdacht möglich war, geschweige denn eine Reaktion. Wenige Kilometer später - es war morgens halb sieben - lief ein Besoffener über die Straße, bei dessen Anblick ich den Trinkspruch "albastru" - das ist rumänisch und heißt blau - geprägt haben soll. An diesen Geistesblitz kann ich mich nicht mehr erinnern - warum bloß? -, aber Beifahrerfreund Ecki hat die Geschichte so oft erzählt, dass sie wohl stimmen muss. Am Grenzübergang gibt es zwar keine Kontrollen mehr, trotzdem stauen sich die Autos. In Sachsen ist Ferienbeginn, oder die Leute fahren zum Ausflug oder zum Tanken, vielleicht auch zu einem anderen Angebot, das in Tschechien günstiger ist. Nun ja, was soll die Heimlichtuerei, es ist ein Angebot, das dem kleinen Grenzverkehr vermutlich seinen Namen gab. Aber nix is', die Damen an der Straße nach Chomutov scheinen noch nicht im Dienst, denn es ist Mittagszeit, und auch sie müssen irgendwann mal richtig schlafen, also allein. Bis nach Prag nehmen wir einen Tramper mit, leider nur einen einzigen, aber immerhin, hier gibt es sie noch. 21 Uhr 30 sind wir im von Wolfgang favorisierten Motel. Doppelzimmer für 27 Euro, wir werden sehr freundlich bedient, sogar eine Kontrollkamera überwacht den Parkplatz. Ohne Schlafsack kommt man sich als jugendlicher Tourist immer wieder unvollkommen vor, aber Hotelzimmer haben nun mal Bettdecken und sogar Handtücher. Wir zischen ein Bier, essen Kesselgulasch und merken plötzlich, wie müde wir sind.

Der zweite Teil der Fahrt beschert uns eine Stunde Stau auf der Stadtumfahrung Budapest. Wir wagen uns trotz ungenauer Karte ins ungarische Mittagszeit-Landstraßengetümmel, finden einen passenden Um- und Rückweg zur Autobahn M5 und kehren hinter Kecskemet zum Mittagessen ein. Ich erfreue mich an der äußerst zuvorkommenden Bedienung und genieße den Anblick, für den mir letztlich doch kein anderer Begriff als "knackig" einfällt. Ja, knackig und zackig - aber das sind hier nicht die Damen vom kleinen Grenzverkehr, sondern die Kellner, und zwar richtige Kellner, die noch eine richtige Ausbildung haben. Elegant, geschmeidig und mit kühnem Schwung bewegen sie Speisekarten, Teller, Gläser und Flaschen durch die Luft, ohne dass ihnen etwas aus den Händen gleitet oder gar an den Köpfen der Gäste aneckt. An einem Tisch mit 5 ungarischen Geschäftsleuten vollführen die 2 Männer ihre Bedienungszeremonie besonders gewandt, mit Beistelltisch und Dekanter. Schon wenn sie das Essen hereinbringen - natürlich für alle 5 Gäste am Tisch gleichzeitig - ist das ein Schauspiel für sich. Ein Einmarschieren mit feschen, glänzenden Stiefeln, bei dem die kunstvoll dekorierten Portionen auf den Tellern zu schweben scheinen. Gibt es bei uns in Deutschland auch noch richtige Kellner? Es scheint mir fast nicht so, denn zumindest da, wo ich gelegentlich essen gehe, stellen mir nur Studenten oder andere Aushilfskräfte meine Pizza vor die Nase.

An der letzten Grenze bringen wir alles in allem eine Stunde zu. Wenn es arbeitet, geht es schnell, aber eben nur dann, und warum dieses "es" nicht kontinuierlich arbeitet, bleibt uns auch diesmal schleierhaft. Aber es ist erträglich, weil vergnüglich. Die Trucker schlurfen in Badelatschen herum, und wenn es wieder 10 Meter vorwärts geht, schwingen sie sich die Stufen zum Fahrerhaus hinauf und verschwinden in ihrer Kabine wie in ihrem Wohn- oder gar Schlafzimmer. Schaut man ihnen nach, kommt man sich fast wie ein Voyeur vor, weil sich unweigerlich die Gewissheit aufdrängt, dass man in so einer Kabine eigentlich alles machen kann - das Toilettegehen ausgenommen. Neben der Autoschlange schummeln sich Fahrradfahrer durch, auf dem Gepäck-träger transportieren sie Kartoffelsäcke, Fernseher, Tische und Kühlschränke. 3 Frauen mit Strohbesen bilden eine Kehrbrigade, die sich aber schon deutlich auf dem Rückzug befindet, denn es ist bereits 17 Uhr. Ihnen folgt ein dicker Mann, der einen Müllwagen mit großen Rädern schiebt, wie man ihn von den 20er-Jahre-Postkartenbildern aus Paris oder Berlin kennt. Wir legen Zdob şi Zdub ein, um unsere Sympathie mit Rumänien zu bekunden und uns in Stimmung zu bringen. 450 Schafe... sollten Liebe machen und keinen Krieg, singt uns der Titelsong. Wir drehen den unorthodoxen Schweinkram etwas leiser, aber die Botschaft scheint anzukommen. Nein, wir bekommen keine Heiratsanträge - ich würde es nicht erwähnen, wenn es das nicht schon gegeben hätte - aber die Grenzer sind lieb. An die schnelle Abfertigung ohne Visa habe ich mich bereits gewöhnt, an die ewige Frage nach dem Wohin bei meinem 27. Grenzübertritt immer noch nicht. Das geht euch einen Scheißdreck an, denke ich auch diesmal wieder freundlich, aber bestimmt. Nach Ineu! Gepäck? Privat! Auch das geht euch einen Scheißdreck an, Rumänienfreunde sind gute Menschen. Der Kurs liegt bei 1:35000 und ist wieder etwas gesunken, ich halte meinen ersten Millionenschein in der Hand. Mit der Dämmerung sind wir im gelobten Land. Die Straßen werden deutlich schlechter, das ist die Begrüßung und die Aufforderung an zwei müde Autofahrer, ein letztes mal konzentriert zu sein.

20:00 sind wir im Heim in Ineu. Auf dem Betonplatz wird Fußball gespielt, einige Jungen stromern herum, der Mann vorm Heizhaus wird wohl der Heizer sein. Auf meine Anmeldung per email habe ich keine Antwort erhalten, aber es wird schon jemand wissen, dass wir kommen und einen Schlafplatz brauchen. Und siehe da, irgendwie funktioniert es auch diesmal. Der Herr Direktor ist angerufen, sagt ein Junge, und 10 Minuten später fährt Nelu mit einem Fahrschulauto auf dem Hof vor. Wolfgang schmunzelt und fragt nach einer vermutlich neuen Geschäftsidee. Nelu erklärt, dass sie kürzlich 2 von diesen Autos gekauft haben, damit die über 18-jährigen den Führerschein machen können, als weiteren Schritt in die Selbständigkeit. Wir begrüßen Katja, die Praktikantin aus Berlin, klären erste Termine und unsere weitere Reiseplanung und machen uns auf den Weg in Muckis Pizzeria. Vorbei an den von uns gebauten Spielgeräten, die als stolze Silhouetten im Dunkeln stehen, und entlang der Geschäfte, die bunter und abwechslungsreicher geworden, aber doch immer noch dieselben vertrauten sind. Es ist nicht nur ein Ankommen, sondern ein nach-Hause-Kommen.

Am nächsten Tag werden wir gleich nach Craiova weiterfahren. Vorher treffen wir uns mit Nelu, das ist wichtig und wir müssen die Gelegenheit nutzen, wenn er Zeit für uns hat. Der Weg ins Büro ist vertraut, wir begrüßen Doina, Marianna, Dan und Mihai, und Dana bringt uns einen Kaffee. Es geht zu wie im Taubenschlag, auch daran hat sich nichts geändert. Greetings from Hardy and all the stuff. Soll heißen: Herzliche Grüße aus Weimar. Wir sprechen mit dem Direktor über aktuelle Probleme und Projekte, zum Beispiel über die Verwendung der Spendengelder, die dieses Jahr der Verkaufsstand der Stadtgärtnerei auf dem Weimarer Blumenmarkt einbringen wird. Auf dem Weg zurück ins Zimmer bietet uns Neluta, Nelus Frau, einen weiteren Kaffee an. Eine nette Geste, es ist alles so wohltuend vertraut. Aber wir müssen ihn leider ablehnen, denn wir sind etwas in Zeitdruck, da wir bis Craiova noch einen langen Weg vor uns haben. Zeitdruck? Moment mal! Kleine Besinnung gefällig? Nein, wir sind hier nicht in Zeitdruck, sondern in Rumänien! Es gilt, viele Freundschaften zu pflegen, deshalb schauen wir noch kurz bei Tante Aurora vorbei, so viel Zeit muss sein. Sie fragt nach meiner Schule. Nein, nein, die ist schon lange vorbei, im vorigen Jahr habe ich als Mediengestalter gearbeitet, nun bin ich arbeitslos. Das ist der Kapitalismus, sagt Palcu, ihr Mann. Allgemeines Schulterzucken. Langsam scheint die Weimargruppe nun vom Studenten- ins Arbeitslosendasein zu wechseln, einige Arbeitnehmer ausgenommen. Wir trinken einen Kaffee, bestellen Grüße, hören, wie es Aurora geht und nehmen eine Flasche selbstgemachten Wein mit auf den Weg nach Craiova, warum auch immer. Sollte er die Straßen nicht vertragen, taugt er immer noch als Weinessig.

Wir fahren über Land. Autos, Straßen, Tankstellen, Bahnübergänge, Häuser, Dörfer, Tiere und Menschen. Das immergleiche Bild, aber man kann sich einfach nicht daran satt sehen. Was ist es, das die Dinge anders erscheinen lässt als bei uns, schwerer, wichtiger und urwüchsiger? Einer der Gründe muss der Straßenbau sein: Männer mit schmutziger Arbeitskleidung und Leuchtwesten kehren mit Strohbesen Schlaglöcher aus, vom LkW wird heißer, stinkender und qualmender Asphalt abgekippt und festgeklopft. Es sind immer nur wenige von den vielen Arbeitern, die wirklich arbeiten. Die anderen stehen dabei, stützen sich auf ihre Schaufeln und ziehen mit zusammengekniffenen Augen an ihren Zigaretten, als wären diese genauso heiß und stinkend wie der frische Asphalt. Ein anderer Grund sind die Fabriken, die stillgelegten ebenso wie die noch funktionierenden, die irgendwie alle gewichtig und gewaltig aussehen, wie aus der Eisenzeit. Hier wird noch richtig gearbeitet, und man sieht noch die Menschen, die das machen, besonders dann, wenn sie zum Schichtende aus dem Tor zu den Autos und Bushaltestellen strömen. Selbst die wenigen neuen Fabriken auf der grünen Wiese wirken bedeutungsvoller und sehen schwer nach Arbeitsplätzen aus. Wie von einem anderen Stern sehen sie auch aus, das wiederum kann ich als Stadtplaner nur schwer durchgehen lassen. Aber die Rumänen müssen ihre Fehler mit den grünen Wiesen und blühenden Landschaften selber machen, hoffentlich lernen sie daraus, und möglichst bald. Dann wären da noch die zahlreichen Verkaufsstellen für Baustoffe, in denen Gips, Kalk, Ziegel, Steine und Zement angeboten werden. Man kommt sich stets vor wie in einem heruntergekommenen Garagen-komplex, der schnell und notdürftig als Baustoffhandel eröffnet wurde und am nächsten Tag schon wieder geschlossen sein kann. Auch solche elementaren Dinge wie Baustoffe nimmt man in Deutschland nicht mehr wahr, weil sie fein säuberlich portioniert und verpackt in Baumärkten und dann in Garagen oder Kellerregalen verschwinden. Der Bedarf an Zement übrigens scheint in Rumänien permanent hoch zu sein. Das hängt mit der besonderen Vorliebe zusammen, die die Rumänen für Beton empfinden. Beton bringt Geradlinigkeit, Ordnung und Sauberkeit. In Deutschland kann man Rückbau betreiben noch und noch, trotzdem sieht immer alles viel zu ordentlich und viel zu sauber aus. Und in Rumänien kann man betonieren noch und noch, so schön ordentlich und sauber wie im vorbildlichen Deutschland wird es nie.

Wärme und Sonnenschein, die Leute sitzen im Freien. An der Straße werden Radieschen und grüne Zwiebeln angeboten, das erste Gemüse aus Garten und Gewächshaus. So muss Frühling in Rumänien sein. Irgendwann wird die Straße schlecht. Das ist nicht der Frühling, der da grüßt, sondern der Winter, der Schäden in der Straßendecke hinterlassen hat. Das ist in jedem Jahr so, aber diesmal fällt es mir besonders auf. Hier sind genau die Straßen, für die Jeeps und Offroader wirklich gebaut sind, je nach Wunsch auf die Bedürfnisse westlicher Großstadtindianer abgestimmt oder schlichtweg naturbelassen. Und es wären wirkliche Teststrecken für die bekannten Automobilhersteller. Diese Gedanken einer positiven Umdeutung trösten jedoch wenig, wir holpern uns vorwärts. Es ist eine besondere Anstrengung für die Augen, die jedes Schlagloch in Sekundenschnelle erfassen und einschätzen müssen.

Der Tag neigt sich dem Abend zu. Das ist die Stimmung, die ich besonders liebe, wenn die Hitze nicht mehr drückt und die Leute heimkehren. Sie sitzen vor ihren Häusern, stehen am Straßenrand, nehmen ein Feierabendbier, gehen spazieren, bauen am Auto oder reparieren Zäune, Fenster und Türen. In diesem Schauspiel fehlen nur noch die Kühe, die für gewöhnlich um diese Zeit die Straße entlang nach Hause trotten, ohne sich dabei an Autos oder Menschen zu stören. Sie werden erst nach Ostern täglich auf die Weide geschickt, jetzt noch nicht. Wie oft zücke ich noch heute, nach 15 Jahren Rumänien, meine Kamera, um freilaufende Tiere zu fotografieren. Kuh im Anmarsch, Knipse raus - das muss ein Reflex naturentwöhnter Westmenschen sein, die so was nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern kennen. Ein anderes Schauspiel, dem ich fasziniert beiwohne, ist das Ballspielen der Kinder. Ja, Kinder spielen auf der Straße Ball. Ich muss diesen Satz für mich wiederholen, denn ich frage mich erneut, ob es das bei uns in Deutschland noch gibt. Wir nehmen Tramper mit und erlassen ihnen den Obulus. Das verstehen sie nicht und fragen energisch nach dem Grund, aber wir können uns durchsetzen. Als der letzte Mann aussteigt, ist bereits die Blaue Stunde angebrochen. Störend ist nur der Rauch, der sich über die Wiesen legt, da jetzt überall die trockenen Gräser von den Straßenrändern abgebrannt werden. Er macht die Luft stickig und schwer und das blau zum grau.

Kurz nach der Dämmerung, nach insgesamt 8½ Stunden, sind wir in Craiova. Wir verabreden uns mit Ovidiu und Iulia am Hotel, in dem Iulias Vater arbeitet, denn das ist leichter zu finden als die Wohnung ihrer Eltern. Die Begrüßung ist überaus herzlich. So kenne ich es seit Jahren, aber jedes mal ist es aufs Neue überwältigend. So sehr, dass ich sofort wieder weiß, warum ich nun schon so lange nach Rumänien fahre. Die Leute kennen mich nicht wirklich, aber sie freuen sich so sehr, dass ich da bin. Warum nur? Sofort bekomme ich ein Gastgeschenk, einen Keramikteller überreicht. Im Laden würde ich von diesem Kunstgewerbeschnickschnack die Finger lassen, aber hier wird er ein Teller mit einer besonderen Geschichte und Bedeutung. Es gehen weitere Geschenke hin und her, Wolfgang hat für Ovidiu eine Snaredrum mitgebracht, eine kleine Trommel fürs Schlagzeug. Der packt sie aus wie ein Westpaket und strahlt wie ein kleiner Junge. Echte Gefühle stecken an, mich als Quasi-Schlagzeugkollegen und sensiblen Menschen um so mehr, es ist eigentlich zum Heulen. Wir Ossis haben ein besonderes Verhältnis zu Westpaketen, Erinnerung an Almosen auf der einen und Verantwortung auf der anderen Seite. Zuweilen haben wir uns damals auch über Werbeartikel und Probierpackungen von Sparkasse und Apotheke gefreut. Aber Schwamm drüber, wir wissen nun, wie wichtig diese Mitbringsel sind. Und weil wir beide Seiten kennen, wissen wir, wie wir sie haben wollen, als Geschenk von Mensch zu Mensch.

Das funktioniert. Wir sitzen in der Küche, rascheln wie zu Weihnachten mit Geschenkpapier, begutachten unsere Präsente und schauen Fotos an, von Iulias und Ovidius Hochzeit im vorigen Jahr und von den deutsch-rumänischen Urlauben in Siebenbürgen und Holland. Der Vater bringt Bier, später Wein, wir stoßen mit einem ersten Ţuica an, es gibt Essen und rumänisches Fernsehen. Diese Dauerbeschallung ist keine Unhöflichkeit, sie gehört vielmehr zum guten Ton. Nun muss auch ich gleich handeln, ich hole meine CD von Fork & Fiddle. Mehr ist mir nicht eingefallen, aber es ist was Selbstgemachtes. Iulia ist sofort begeistert, sie hat schon von der Band gehört, besitzt bereits die erste CD und ist informiert. Ovidiu war 1999 erstmals mit seiner Band Terror Art in Weimar und hat damals auch unsere Band gehört. Eine Folkstanz-Mugge im Volkshaus, eine Session mit Rumänen, Franzosen und Deutschen im Leseladen, ein Saufabend in der Gerberstraße, im besetzen Haus. Sofort sind die Erinnerungen wieder da. Musik verbindet. Sogar bis nach Craiova, wo sie nun als CD in der Schrankwand im Kinderzimmer steht.

Gleich neben der Schrankwand steht ein Doppelbett, dazu noch eine Vitrine mit Fernseher drauf und ein Sessel, damit ist das Zimmer voll. Wir befinden uns in einer 3-Zimmer-Wohnung. Hier wohnen Vater und Mutter Marku mit Tochter Iulia und Schwiegersohn Ovidiu. Das ist ökonomisch und gar nicht anders denkbar, weil die Kinder meist kein Geld für eine eigene Wohnung haben, und entspricht zugleich dem starken Familienzusammenhalt, der ebenso bewusst und stolz praktiziert wie gelobt wird. Rumänische Neubauwohnungen sind verschrien und beliebt zugleich, deshalb muss man differenzieren. Ist die Wohnung gut, dann befindet sie sich in den unteren Etagen, hat warmes Wasser, eine warme Heizung und neue, dichte Fenster. Ist sie schlecht, liegt sie in den oberen Etagen, in die die Wärme oft nicht gelangt, dazu kommen undichte Fenster oder gar Dächer. Manches davon kann in Eigeninitiative behoben werden, vorausgesetzt, man hat das nötige Kleingeld.

Ovidius Eltern haben sich mit einer der schlechten Wohnungen herumgeplagt, so lange, bis sie aufs Land gezogen sind. Ihr Sohn hat sie unterstützt und ihnen gut zugeredet, hat das Anwesen ausfindig gemacht und gebaut und renoviert. Nun sind sie glücklich, dass sie ihre Ruhe haben und nicht mehr in der schäbigen Wohnung und in der lauten Stadt wohnen müssen. Wir kaufen Essen und Trinken und besuchen sie für einen Nachmittag. Ein kleines Straßendorf vor den Toren von Craiova, wie es hunderte von ihnen gibt, nicht einmal der Name hat sich mir eingeprägt. Wir besichtigen das Haus, 3 Zimmer plus Küche und Laubengang, Keller und Schuppen. Im Garten werden bald Wein und Gemüse wachsen, zum Ambiente gehören außerdem einige Katzen und Hühner. Das ist alles, denke ich und habe schon viele schönere und größere Höfe gesehen. Aber es ist der Eltern ganzer Stolz, die Ruhe, das Grün und die guten Sachen aus dem eigenen Garten. Immer und immer wieder erklärt und gestikuliert der Vater, wie satt er das Leben in der Stadt hat. Und ich frage mich immer und immer wieder, ob das alles ist. Ja, das ist das ganze scheiß Glück, was die Menschen brauchen - eigentlich ganz einfach, und doch so beschwerlich.

Nach der Besichtigung wird der Grill angeworfen, es gibt Gebratenes mit Brot und Gemüse, dazu Schnaps, Bier und Wein. Vorher habe ich die Klamotten feilgeboten, die mir die Mutter nach dem Aussortieren zuhause in Weimar mitgab, ich soll sie nach Bedarf verteilen. An den Fenstern im Laubengang fehlen Gardinen, höre ich und habe genau diese in der großen Tasche im Auto. Günstige Gelegenheit. Warum soll ich nicht gleich alles hingeben und sie nehmen sich, was sie gebrauchen können. Pullover, Handtücher, Strümpfe, Bettwäsche und Gardinen, und der Vater freut sich über die Krawatten, deren Zeit also in Rumänien noch nicht vorbei ist. So sind wir alle glücklich, ich aber, wie so oft bei der Verteilung solcher Sachen, auch etwas peinlich berührt. Nach dem Essen packe ich die Gitarre aus und singe etwas, Wolfgang auch. Dann holt auch der Vater Gitarre und Liederbuch und trägt ebenfalls etwas vor. Wolfgang hat ihm neue Gitarrensaiten mitgebracht, aber er wird sie auch diesmal wieder nicht aufziehen, weil sie zum Benutzen viel zu wertvoll sind. Dann werden die obligatorischen Fotoalben geholt - Hochzeit, Kinder, Familie, Armee, Urlaub und Ausflüge ans Schwarze Meer und ins Gebirge. Ich kenne auch das zur Genüge, aber es ist so echt und ehrlich, dieses kleine Glück, dass ich mich erneut davon gefangen nehmen lasse. Die Eltern sind so glücklich über unseren Besuch und die Bekanntschaft. Beim nächsten mal, vielleicht im Sommer, sollen wir bleiben und übernachten, dann wird der Garten grün sein und das Gästezimmer (die gute Stube) zwar immer noch ohne Ofen, aber eben wärmer.

Am Abend geht das Besuchsprogramm in besonderer Form weiter, Iulias Mutter hat Geburtstag. Wolfgang hatte mit 2 Theaterkarten eine äußerst passende Geschenkidee. Sie freut sich sehr und hat, so erfahren wir hinterher, auch an der Vorstellung Gefallen gefunden. Zur familiären Geburtstagsrunde gesellen sich außer den bekannten Personen Iulias Schwester nebst Freund und ihre Tante und Nichte. Nun ist die Küche ganz voll. Es wird aufgetafelt, gegessen und getrunken. Irgendjemand holt einen Fotoapparat, die Familie schmiegt sich aneinander und strahlt in die Kamera, so sieht es also aus, wenn die berühmten Familienfotos entstehen. Den Menschen begegnen, lautet ein Motto von Harald Riese, einem Rumänienfreund, der seit ca. 9 Jahren in Deutschweißkirch in Siebenbürgen lebt. Wir, Wolfgang und ich, sind dabei und mittendrin. Ja, es ist wunderbar mit diesen ehrlichen, freundlichen Menschen. Wir machen sie zwar zu Privilegierten mit Westkontakt, denke ich manchmal, aber sie bleiben, wie sie sind. Darüber bin ich froh und dankbar, weil ich auch andere Beispiele kenne - Vermessenheit, Unehrlichkeit, Überheblichkeit. Aber auch solche Leute sind, wie sie sind, dann muss man sie als Freunde und Bekannte irgendwann abschreiben. Hier ist es nicht so. Wir sind willkommen, die Gastgeber lassen uns ein Stück teilhaben an ihrem Alltag, sie machen sich tagelang Mühe und lassen sich diese nicht anmerken. Anstrengend ist es aber mitunter auch für mich, der ich zu Besuch bin. Ich würde durchaus etwas helfen, Abwaschen vielleicht, was ich doch so gern tue. Aber nein, ich darf nicht, ich bin hier der Gast.

Was noch auf unserem Programm steht, ist Stadtbesichtigung in Craiova mit Boulevard, Theater, ethnografischem Museum und jener Kirche, in der Iulia und Ovidiu vor einem Jahr getraut wurden. Besonderes Interesse habe ich noch immer an Kaufhäusern, aber es schwindet langsam, weil das Erscheinungsbild immer westlicher wird. Diese Entwicklung jedoch ist spannend zu beobachten. Handies sind noch immer Statussymbole und die Verkaufsstände entsprechend groß, bunt und zahlreich. Ebenso symbolhaft zeigen sich sämtliche Haushaltsgeräte, von denen viele selbst ich nicht einmal kenne, mangels Interesse und Gelegenheit. Was man nicht alles kochen, backen, frittieren, erhitzen, schneiden und sonst wie verarbeiten kann, stets mit einem eigens dafür vorgesehenen Gerät, versteht sich. Die formschöne Verlockung ist nicht von der Hand zu weisen, die Eierkocher und Jogurtzubereiter sehen sämtlich aus wie fliegende Untertassen oder windschlüpfrige Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge, ein bisschen auch wie Kinderspielzeug, bunt und mit großen Knöpfen. Früher hatte man einen Toaster Marke "Eisenschwein" in der Küchenecke stehen, der auch durch ein Blümchendekor nicht ansehnlicher oder leichter wurde und den man einmal täglich mit einer Toastscheibe bedachte. Heute grüßen die pastellfarbenen Lebenserleichterer und Alltagshelfer verführerisch von ihrem Ausguck, und man möchte ständig zurücklächeln, sie streicheln und ihnen zuflüstern, dass sie schön sind und glücklich machen. Ob sie aber die Rumänen glücklich machen, wage ich zu bezweifeln, denn wer kann sich bei einem Monatseinkommen von 100 oder 200 Euro einen Brotbackautomaten auf westlichem Preisniveau leisten. Was ich aus Deutschland ebenfalls nicht mehr kenne, ist die ungeheure Masse von Kühlschränken und Waschmaschinen, die in den Abteilungen und Geschäften eng an eng präsentiert werden. Alles, was exklusiv und unerschwinglich ist, bekommt den Charakter einer Ausstellung, und in Rumänien gehören Kühlschränke etc. noch immer in diese Kategorie. Wohlstandsverheißungen in Wellnessoptik. Dann sehe ich die Menschen dazu, sehe sie schlendern und staunen und weiß, dass da etwas nicht zusammenpasst.

An einem anderen Abend besuchen wir Ovidiu bei der Bandprobe. Er präsentiert seine neue Snaredrum und zeigt seinen Kollegen, wie wunderbar sie im Unterschied zur alten klingt. Die Musik ist melodisch und kraftvoll, die Kumpels sind okay und nett. Wir testen Wolfgangs Gitarre, die Rumänen tun es ebenfalls und loben das schöne Instrument. Ich versuche mich am Schlagzeug und weiß, dass mein halbes Jahr Unterricht wirklich erst der Anfang war. Demnächst hat die Band ADN eine Mugge, aber leider dann, wenn wir schon wieder abgereist sein werden. Nach der Probe gehen wir ein Bier trinken. Der Sänger kommt mit und wir sitzen mit anderen Freunden am Tisch. Frustriert und übermütig schneidet er Bilder von Frauen aus einer Anzeigenzeitung aus und klebt sie jeweils an einige Biergläser. Ich verstehe nicht alles, was dazu geredet wird, aber die Sorgen sind wohl überall dieselben.

Als besonderes Ereignis ist ein Ausflug ins Skigebiet geplant, richtig mit Abfahrtski und so. Ich arbeite schon seit Tagen an meiner inneren Einstellung, sie wird eine Mischung aus Neugier, Höflichkeit und Verdrängung. Auch wenn der Zeitpunkt immer näher rückt, erscheint er mir noch in angenehm sicherer Entfernung, schließlich müssen wir erst einmal 4 Stunden Auto fahren. Kurz hinter Craiova geraten wir in eine Polizeikontrolle. Wolfgang zeigt die Papiere vor und antwortet dem Polizisten auf Fragen. Die Kollegen im Hintergrund erkennen die Situation und tuscheln hörbar miteinander. Die Deutschen sprechen rumänisch, und da sind sogar Rumänen mit dabei, per Abzocke ist ganz offensichtlich nix zu holen. Der Grund der Kontrolle ist die Straßenplakette. Wir haben keine, und Ovidiu erklärt, dass es nirgends einen offiziellen Hinweis auf diese Plakette gibt. Die einzige Gelegenheit, bei der man von ihr erfährt, ist die Überprüfung bzw. Strafzahlung bei Polizei- und Grenzkontrollen. Das interessiert die Ordnungskräfte herzlich wenig, man muss sich eben informieren. Aha, so einfach ist das. Diskutieren hat keinen Sinn. Aber wir werden freigelassen, mit dem gnädigen Hinweis, unseren Obolus für das Pickerl an der nächsten Tankstelle zu entrichten.

Die Fahrt geht weiter. Irgendwann wissen wir, das wir bis halb 4, wenn der letzte Sessellift fährt, nicht in Petrosani sein werden. Iulia ruft eine Studienfreundin in Tirgu Jiu an und fragt nach einem Zwischenquartier. Kein Problem, wir können kommen, denn die Eltern sind gerade nicht da. Ardela lädt uns zu einem Stadtrundgang ein, der mir unverhofft eine Begegnung mit Constantin Brancusi und seinem Werk beschert. Dass er ein rumänischer Bildhauer ist, wusste ich bereits. Nun laufe ich durch den gleichnamigen Park in Tirgu Jiu, sehe die Kusspforte, den Tisch der Stille, die unendliche Säule und andere Skulpturen. Für den Abend wählen wir ein feines Lokal, es ist sichtlich auf Volkstümlichkeit und Baudenabend getrimmt, aber es wird von Rumänen besucht, das ist ein gutes Zeichen.

Am nächsten Morgen setzen wir unseren Weg fort und erreichen den Sessellift oberhalb von Petrosani, an der Cabana Rusu zwar pünktlich, aber bei Regen. Meinungen werden eingeholt und Möglichkeiten abgewogen. Mehr noch als bei Regen macht es keinen Sinn, bei Nebel hinauf in die Berge zu fahren. Unsere Gastgeber suchen energisch nach Alternativen, denn sie wollen uns das Erlebnis Skifahren unbedingt bieten. Meine Motivation hatte sich ein klein wenig aufgebaut, nun lässt sie sich vom schlechten Wetter schnell und gern wieder vertreiben. Obwohl das unhöflich ist, denn Ovidiu legt sich sichtlich ins Zeug. Wir fahren eine halbe Stunde weiter zu einem anderen Lift in der Nähe von Lupeni, und plötzlich scheint nicht nur die Sonne, sondern auch das Vorhaben doch noch zu gelingen. Nun gut, dann soll es also sein, ich werde gelassener und verspüre tatsächlich ein klein wenig Vorfreude. Während wir im Telescaun - im Fernstuhl - in die Höhe surren, erzählt Wolfgang, dass dieser im vorigen Jahr plötzlich stehen blieb, wonach eine halbe Stunde erbärmliches Frieren angesagt war, dazu Vertrauen in die rumänische Improvisations- und Verantwortungskunst. Aber nein, vor dieser Gefahr schreckt es mich nicht, jetzt gibt es kein Zurück mehr, der Lift wird mich hochbringen und die Bretter wieder hinunter. Oben angekommen, bietet man uns sofort eine Herberge an. Das geht so schnell, dass ich kaum Zeit für einen ersten Rundumblick habe. Die wetterfesten Häuschen, die Lifte, Pisten und Skifahrer, es ist eine eigene Welt, hier oben auf 2000 m Höhe, wo Ende März immer noch meterhoher Schnee liegt. Wir beziehen ein Doppelzimmer mit Bad und WC. Dann kommen wir gleich zur Sache, die Skiausleihe hat bis 20 Uhr geöffnet, Zeit ist Geld.

Ich quäle meine Füße in die Skistiefel, stakse hinaus in den Schnee und komme mir vor wie einbetoniert. Das muss wohl so sein, wir sind schließlich nicht zum Wandern hier. Wer sich leicht und gekonnt bewegt, sind natürlich alle anderen, nur ich nicht. Gebt mir meine Langlaufski, und ich zeige euch, dass ich Ski fahren kann! Ich verkneife mir den Ausruf der Rechtfertigung und lasse mir von Ovidiu die Grundlagen erklären, dann probiere ich die ersten paar Meter leichte Abfahrt nebst Ausrutscher. Mit dem einen Ski die Richtung vorgeben, mit dem anderen nachsetzen, dazu immer in die Knie gehen, federn und beweglich sein. Aber die Bretter lassen sich kaum bewegen, sie sind unendlich lang und schwer und rutschen mir in alle Richtungen davon. Das soll nun schön sein? Ich will nicht. Oder will ich doch? Es gibt kein Zurück.

Wir machen uns auf den Weg nach oben. Aber vor den Erfolg haben die Götter den Tellerlift gesetzt. Schnell in die Spur stellen, ebenso schnell den Teller zwischen die Beine klemmen, nicht steif, sondern federnd stehen, sonst fällt man nach hinten um wie ein Klotz. Das Seil zieht an, ich gleite nach oben, es geht. Aber es ist keineswegs bequem. Ich möchte die Beine entspannen, aber ich muss sie, ebenso wie die Pobacken, zusammenkneifen. Eigentlich muss man sich auf den Teller nur draufsetzen. Aber er verrutscht, ich bringe ihn mühsam wieder in Position, dabei darf ich nicht aus der Spur kommen und auch nicht die Stöcke verlieren. Der Teller verrutscht wieder. Er gleitet mir zwischen den Beinen hindurch, und wenn ich ihn jetzt nicht mit den Händen festhalte, bin ich verloren. Als ich ihn endlich zurück zwischen die Beine gezogen habe, bin ich auch schon oben und muss mich seiner entledigen. Auch dafür gibt es keine guten Haltungsnoten, aber geschafft ist geschafft.

Nun geht es an die Abfahrt. Diagonale nach rechts, rechten Ski in die Linkskurve, Gewicht verlagern, linken Ski nachsetzen, locker federn und in die Knie gehen, Diagonale nach links hinab, linken Ski in die Rechtskurve, Gewicht verlagern, rechten Ski nachsetzen, wieder locker federn und wieder in die Knie gehen. Es ist wahnsinnig mühsam und ich bin sofort total geschafft, außer Atem und durchgeschwitzt. Dass bergab fahren so anstrengend sein kann! Aber es geht und ich komme wohlbehalten unten an. Das ganze ein zweites und ein drittes mal, es geht erneut, und wieder ohne Sturz. Ich will auch ganz ehrlich sein: Es macht sogar Spaß. Aber ich bin so geschafft, dass ich es für diesen Tag leider beenden muss. Ich bekämpfe Erschöpfung und Müdigkeit mit einer Cola, die anderen haben noch Kraft für weitere Abfahrten. Im Cafe, direkt am Auslauf der Piste, versuche ich, die Füße, die noch immer in 2 Betonklötzen stecken, zu entspannen, und beobachte die Menschen. Große und kleine Familien, junge Paare, Väter mit Kindern und sogar dicke Muttis. Am beein-druckendsten anzusehen sind die Drei- bis Fünfjährigen, die als vermummte halbe Meter über die Piste federn, als wären sie auf Skiern geboren. Jetzt weiß ich, dass es so was wirklich geben kann. Aber was soll denen auch passieren. Wenig Gewicht bringt wenig Geschwindigkeit, aus einem halben Meter Höhe fällt man nicht tief, und überhaupt haben sie die Beschaffenheit von Stehaufmännchen. Alpinsport, eine richtige Szene. Sportlich interessierte Menschen mit Geld und Zeit, die in ihrer Freizeit ihrem Hobby frönen, so wie in Österreich oder in der Schweiz. Hier oben gibt es keine Zigeuner, keine Kinderheime und keine Armut. Ich bemühe diese Klischeebilder nicht gern, aber hier ist es mal nötig, Rumänien kann auch ganz normal sein.

Aus der Dusche gibt es am Abend wirklich und wahrhaftig warmes Wasser. Dann gehen wir hinunter in die Kneipe. Aber was heißt gehen - seitdem ich die Skistiefel ausgezogen habe, empfinde ich das Laufen nur noch als Schweben. Die Stimmung im Saale hingegen kann man nicht als Schweben bezeichnen, denn Rumänien verliert an diesem Abend das Fußballländerspiel gegen Holland mit Null zu Zwei. Nach dem Abpfiff verziehen sich die enttäuschten Fans stillschweigend auf ihre Zimmer, wir bleiben und gönnen uns noch weitere Biere. Danach schwebe ich wieder hinauf. Jetzt muss ich mich der Doppelbetthälfte widmen, die mir zugedacht ist. Ovidiu und Iulia sind verheiratet, rumänisch-orthodox, und Wolfgang ist zwar auch beweibt, aber er ist mit mir unterwegs. Also ist die Liegeverteilung geklärt, und Experimente sind nicht vorgesehen. Fakt ist auch, dass das Doppelbett nur ein Meter zwanzig breit ist. Wolfgang sagt, er habe mich trotzdem lieb, aber ich weiche freiwillig auf den Fußboden aus. Da ist es etwas härter, aber nach solch einem anstrengenden Tag würde ich auch im Stehen schlafen können. Am nächsten Morgen weiß ich, dass ich mich gründlich verschätzt habe, denn es ist zwar Ostersonntag, aber wie Auferstehung ist mir nach dieser schlecht geschlafenen Nacht nicht zumute. 4 Leute in einem 15-qm-Zimmer mit Fenster zu und Heizung auf. Es war einfach nur stickig und warm und eigentlich unmöglich. Aber es ging irgendwie nicht anders, denn Rumänen scheuen Zugluft und wohl auch Frischluft wie der Graf Dracula den Knoblauch.

Mir sitzt die Anstrengung vom Vortag spürbar in den Knochen, aber wir begeben uns nochmals auf die Piste. Es soll sich lohnen, und schließlich macht es, auch das spüre ich, immer noch Spaß. Ich schaffe noch 2 Abfahrten, dann kann ich wirklich nicht mehr, schleppe Ski und Stiefel zurück in die Ausleihe, und das Abenteuer Abfahrtski ist erfolgreich beendet.

Sonntag, der letzte Abend bei Iulia und Ovidiu in Craiova. Abschiedsstimmung liegt in der Luft, aber vorerst ist sie festlich. Das drückt sich vor allem darin aus, dass es wohlbekannt und verführerisch nach Kraut und Hackfleisch riecht. Es gibt Sarmale, die berühmten mit Reis und Hackfleisch gefüllten Krautwickel. Auch Wolfgang und ich wissen diese besondere Köstlichkeit mittlerweile zu schätzen - aber für Halbrumänen sollte das selbstverständlich sein. Und als ob das nicht schon genug wäre, bereitet sie Iulias Mutter in besonderer Weise, nämlich in einer Auflaufform in der Backröhre zu. Danach gibt es Placinta, die wunderbar hauchdünnen Eierkuchen, vergleichbar mit unseren Crepes. Wein hat es sowieso, Bier auch, und wer will, bekommt den Ţuica heiß serviert, das macht bekanntlich den Rachen frei und hilft gegen Erkältungen, je nach Bedarf prophylaktisch oder therapeutisch. Es ist immer noch Ostersonntag, zumindest für uns Evangelen, aber für die überwiegend orthodoxe Bevölkerung in Rumänien ist das Fest erst 4 Wochen später, deshalb erlangt der Tag keine besondere Bedeutung. Wenn Iulias Mutter daran gedacht hätte, hätte sie für Wolfgang und mich selbstverständlich Ostereier zurecht gemacht. Nun sitzen wir quasi ohne Ostern da, und sie bedauert es. Als ich später mit ihr für einen Moment allein in der Küche bin, lobt sie Wolfgang, sagt was von "Zucker" und "guter Junge" und verdeutlicht es mit einem Fingerküsschen. Und auch ich bin natürlich ein Guter, dass weiß sie und hat daran keinerlei Zweifel. Wir sind überhaupt beide gut und gehören in diesen Tagen mit zur Familie. Echte Gefühle stecken an, es würgt mir vor Rührung wieder im Hals. Warum sind diese Menschen so gut zu mir? Das habe ich mich bei der Ankunft gefragt, zwischendurch immer wieder, und jetzt am Ende erneut. Müssen wir uns heute Abend noch verabschieden? Ich habe Angst davor, ich kann hier nicht einfach losheulen, auch wenn das die ehrlichste Form der Danksagung wäre.

Am nächsten Morgen stehen wir zeitig auf, weil wir bis Ineu wieder eine weite Strecke vor uns haben. So können wir uns auch noch von den Eltern verabschieden, nun muss es endgültig sein. Ovidiu kommt mit in die Stadt, wir holen Fotos ab und Geld aus dem Automaten, dann zeigt er uns den Weg aus dem Zentrum hinaus. Nach einer Weile halten wir an, er steigt aus, wir verabschieden uns. Danke für alles, alles Gute. Ich darf jetzt nicht heulen. Verdammte Scheiße, warum eigentlich nicht? Ein letzter Blick, ein letzter Wink, dann zieht sich Ovidiu die Kapuze über und läuft zurück ins Stadtzentrum. Ich sitze im Auto und fahre davon, aber mir ist, als würde ich ebenfalls im Regen stehen. Eine Liedzeile von Gerhard Schöne fällt mir ein, nicht zum ersten mal in diesen Tagen: Manchmal ist mir, als müsste ich die ganze Welt umarmen.

Auf der Rücktour nach Ineu verlängern wir die Fahrzeit von der Herfahrt nochmals um eine halbe Stunde. Einige Straßenstücken sind zwar vorbildlich, andere dagegen so schlecht, wie ich es selten gesehen habe. Zur vereinbarten Zeit in Arad am Bahnhof zu sein, schaffen wir natürlich nicht. Wir wollten Tina abholen und mit nach Ineu nehmen, nun muss sie auch das letzte Stück ihrer Reise von Berlin allein bewältigen. Das schafft sie besser als gedacht, erfahren wir am Abend bei Bier und italienischem Nationalgericht in Muckis Pizzeria. Aber warum gedacht, ich habe es nie bezweifelt.

Bereits im Zug von Berlin hat sich Tina von einer Rumänin einiges erzählen lassen, und den Weg vom Bahnhof zum Heim hat ihr ein Geschäftsmann beschrieben, der ebenfalls im Regionalzug von Arad nach Ineu unterwegs war. In Ineu ist sie gleich mit Katja unterwegs ins Internetcafe, und einige Mädchen aus dem Heim heften sich den beiden Studentinnen aus Germania an die Fersen. Manchmal mehr, als ihnen lieb ist, aber auf diese Weise werden die ersten Vokabeln ausgetauscht und erprobt: Wie heißt du? Wo kommst du her? Bist du zum ersten mal hier? Wie gefällt es dir? Ankommen, mitmachen und auf alles einlassen. Das ist gewöhnungsbedürftig und man muss einen Umgang damit finden, aber letztlich geht es faszinierend leicht und selbstverständlich, wie auch bei 185 anderen Weimargruppen-Mitfahrern zuvor.

In Ineu bleiben uns 3 Tage, um allen Freunden und Bekannten einen Besuch abzustatten. Das sind vor allem die 3 Kinderhäuser und die Impreuna-Ferma mit den Absolventen, und auch die Jugendlichen im Internat wollen beachtet werden. Das schaffen sie, als sie an einem Abend im Hof die Diskoanlage aufbauen - aber nicht durch die Lautstärke, sondern durch einige Mängel, auf die sie uns mit dieser Aktion aufmerksam machen. Wolfgang kümmert sich um die Geräte, aber leider gelingt es nicht, sie zu reparieren oder einen Reparateur zu finden. Wir treffen uns nochmals mit Nelu und auch kurz mit Peter, mit jenem Peter, dem wir den ganzen Kontakt nach Ineu zu verdanken haben. Wir sprechen mit Jörg über seine Sozialpädagogikausbildung, die er berufsbegleitend anbietet, auch über die Politik, über Gott und die Welt. Und über die alten Zeiten, schließlich ist er ein Kind unserer Gruppe, auch wenn er nun fast 10 Jahre in Rumänien lebt. Aurora möchte uns auch noch einmal sehen, sie erzählt vom Wasser im Keller, von ihrer im Winter geborstenen Wasserleitung, und dass sie nur einen teuren und schlechten Installateur an der Hand hat. Aber sie freut sich auf die nächste Woche, denn dann bekommt sie schon wieder Besuch aus Weimar, Rudi und Elfriede. Dann werden die Tage für sie wie Urlaub sein, sie wird mit Elfriede im roten VW Beetle über Land fahren und sich freuen, dass sie mal raus kommt. Wir spötteln über den "Leu greu", den schweren Lei, den es mit der Denomination ab 1. Juli geben soll. Auch sonst die üblichen Geschichten, überall steigen die Preise, die Renten jedoch nicht.

Für einen Tag machen wir den obligatorischen Ausflug nach Arad, Einkaufsstraße rechts hoch bis zum Theater, Seitenstraße rechts vor bis zum Markt und wieder zurück, dann links wieder runter bis zum Kaufhaus. Auf dem Markt treffen wir Aurel, einen Absolventen aus dem Heim, er wohnt jetzt in Arad und hat sogar eine Arbeit. Zurück fahren wir über Lipova und besuchen Walter, Eckis Höhlenfreund, der für ihn ein Päckchen mit wichtigen Medikamenten mitgegeben hat. Seine Frau Ottilie ist Schneiderin in Heimarbeit, deshalb sitzen wir in der Stube zwischen Kleiderbergen. Aber nichts desto trotz erzählt Walter die neuesten Abenteuer von der letzten Gebirgstour, inklusive einiger Witze, die man so schön am Lagerfeuer hören kann. Ich darf keinen Ţuica trinken, weil ich heute der Fahrer bin, deshalb muss ich als Wiedergutmachung leider eine Flasche mitnehmen. Auf dem Hof im Heim begrüßt uns mit coolem Handschlag Seba, ebenfalls ein ehemaliges Heimkind. Er ist frisch gebackener, sichtlich stolzer Vater, und Uli, eine Freundin aus der Gruppe, soll in wenigen Wochen Patentante seines Sohnes werden. Auch das ist Rumänienhilfe.

Unsere Zeit neigt sich dem Ende entgegen. Wir nehmen nicht nur Schnaps, Wein, Honig, Käse und Zigaretten mit, sondern auch Briefe und Grüße. Vasile bringt mir eine Vase mit 3 Plasteblumen, ich soll sie für Anne mitnehmen, sie wird ihr gefallen. Dazu überreicht er mir für meine Ex-Freundin einen Brief und ist so bewegt, dass er mir umgehend gesteht, was er ihr geschrieben hat. Er bedauert es außerordentlich, dass wir nicht mehr zusammen sind, er kennt mich und kann garantieren, dass ich ein Guter bin, sie soll sich die Sache noch einmal überlegen. Sein Wort in Gottes Ohr, denke ich. Und muss den Gedanken ehrlicherweise differenzieren. Vasiles Gott wird den frommen Wunsch erhört haben, aber mein Gott hat mir gesagt, dass die Liebe ihre eigenen Wege geht, da ist sie unerbittlich. Am letzten Nachmittag lade ich Wolfgang, Tina, und Katja zu Kaffee und Keksen in die Ami-Bar ein. Hier hat sich vieles verändert, aber es ist und bleibt seit 15 Jahren unser Stammcafe, da geht es nicht ohne einen Besuch.

Tina hat sich entschieden, mit Katja noch 4 Wochen in Ineu zu bleiben, so lange, bis diese regulär ihr Praktikum beendet. Dann, wenn in Rumänien das orthodoxe Osterfest ist, werden sie zurück nach Berlin fahren. Das passt, und es bleibt dabei, ich habe ein gutes Gefühl. Wolfgang und ich, wir zwei alte Rumänienhasen, haben unseren 2 Häschen einige Tage ein Stück unserer zweiten Heimat gezeigt. Dafür lassen wir uns am letzten Abend gern bekochen und packen ein letztes mal die Gitarre aus. Am Freitag Morgen besteigen wir unseren Hippie-Bus (O-Ton Tina) und fahren zurück nach Deutschland. Meine Ikone baumelt unverdrossen und wachsam am Innenspiegel, beim Aussteigen in Weimar vergesse ich sie mitzunehmen. Aber das hat sie wohl extra so eingerichtet, dann kann sie das Auto noch einige Tage beschützen. Beim nächsten Besuch gibt Wolfgang sie mir zurück.

Ausländer fahren oftmals teurer mit dem Zug

Undurchsichtigkeiten im Ticketsystem des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs

Der Artikel erschien am 29. August 2005 in der Budapester Zeitung.

Viele Wege führen bekanntlich nach Rom; viele Preise hingegen nach Budapest. Diese Erfahrung haben schon viele ausländische und nicht umfassend informierte Ungarnreisende gemacht. Erhöhte Ticketpreise, horrende Strafen und vor allem unzureichende Information - mit dem Zug durchs Land zu reisen führt oftmals zu Komplikationen und Beschwerden.

Lange Schlangen und noch längere Diskussionen sind am Internationalen Ticketschalter der Budapester Bahnhöfe ein gewohntes Bild. Hier stauen sich Passagiere, die beispielsweise - anders als versprochen - ihr Fahrrad doch nicht mitnehmen können oder die aufgrund von falschen Preisinformationen schlicht pleite sind.

Einer von ihnen ist Stefan Hamseder, ein Wiener, der derzeit seinen Zivildienst in Budapest leistet. "Einmal sollte ich für den ungarischen Streckenabschnitt meiner Reise gut das Dreifache des normalen Preises bezahlen, weil meine Ticketkombination anscheindend nicht gültig war", erzählt er. Hamseder musste sich zudem beim Schaffner die Ermäßigung für unter 26-Jährige erkämpfen, da dieser meinte, die gelte für Ausländer nicht. Und damit nicht genug: Er wurde bei der Fahrt in die umgekehrte Richtung nicht auf eine zwingend notwendige Sitzplatzreservierung hingewiesen, was neben dem Nachzahlen von gut 2.000 Ft weitere 2.000 Ft Strafe bedeutete. Dass der Österreicher sich bei der Bahnhofsdirektion beschweren konnte, war übrigens nur mit Hilfe einer ungarischen Freundin möglich, da das Personal dort nur Ungarisch versteht.

Auch der in Ungarn ansäßigen UNO-Mitarbeiterin Hendrika van Rooijen sind schon des Öfteren Undurchsichtigkeiten im ungarischen Schienenverkehr aufgefallen: "Für Ungarn wird leider häufig eine andere Wurst geschnitten. Wenn ich für ausländische Freunde eine Zugfahrkarte kaufe, bezahle ich circa ein Drittel mehr, als wenn ich meine Aufenthaltsgnehmigung vorlege und auf den günstigeren Preis für mich bestehe." Die Fahrt bis zur ungarischen Grenze sollte sie als Ausländerin am internationalen Schalter 4.750 Ft kosten. Van Rooijen zufolge wären an der nationalen Kasse für die gleiche Strecke nur 1.730 verlangt worden. "Außerdem fahren Personen über 65 Jahre in Ungarn eigentlich kostenlos. Ausländer, die das nicht wissen, lässt man aber hemmungslos ein Ticket lösen", beklagt sie weiter.

Um solche Verwirrungen zu vermeiden, gibt es etliche Bemühungen seitens der Europäischen Union, die bislang einzeln operierenden nationalen Bahnunternehmen im überregionalen Verkehr zu koordinieren und ein einheitliches System zu schaffen - sowohl bezogen auf Preise, als auch auf die Technik und Dienstleistungen. So hat zum Beispiel im Juni diesen Jahres die Europäische Eisenbahnagentur ihre Arbeit aufgenommen.

Die Generaldirektion für Verkehr und Umwelt der Europäischen Kommission wies in den vergangenen Jahren mehrfach auf unzureichenden verbraucherrechtlichen Schutz der Fahrgäste im internationalen Bahnverkehr hin. In einem 2002 herausgegebenen Konsultationspapier zu Rechten und Pflichten der Passagiere heißt es außerdem: "Der grenz-überschreitende Verkehr innerhalb der EU allgemein wächst doppelt so schnell wie der Inlandsverkehr und eine Verbesserung der Dienstequalität sollte im wirtschaftlichen Interesse der Eisenbahnunternehmen liegen, weil dadurch mehr Fahrgäste gewonnen werden."

Das ungarische Bahnunternehmen MÁV hat diesen Wirtschaftsaspekt für sich aber anscheinend noch nicht entdeckt. So funktioniert zum Beispiel die von der Kommission gewünschte mehrsprachige Fahrplanerstellung im Internet nicht. Und auch das geforderte automatische Hinweisen auf verschiedene Tarifoptionen ist an ungarischen Schaltern unüblich. Für die Strecke Budapest-Wien beispielsweise sind nach Auskunft einer Fahrkartenverkäuferin 5.675 Ft der günstigste Preis. Mit der "SparSchiene/Fortuna" hätte der Fahrgast allerdings nur 2.999 Ft gezahlt. Solche Rabatte muss der Fahrgast am Schalter explizit verlangen, aber kaum ein Tourist dürfte sich in dem Chaos der verschiedenen Preise und Ermäßigungen wirklich auskennen. Die MÁV-Pressestelle war übrigens mit Verweis auf die Urlaubssaison nicht fähig, zu diesen Punkten Stellung zu nehmen.

Während die Mehrkosten für Ausländer beim ungarischen Bahnbetreiber MÁV häufig auf einem undurchsichtigen Preissystem und mangelnder Beratung basieren, werden einige Nichtungarn bei Metro, Straßenbahn und Bussen ganz offiziell benachteiligt: Eine ermäßigte Monatskarte für 2.360 Ft erhalten beispielsweise nur Studenten ungarischer Universitäten, alle anderen bezahlen den regulären Preis von 6.250 Ft. Bei der Pressestelle der Budapester Verkehrsbetriebe BKV gibt man zwar zu, dass dies eigentlich ungerecht sei, man müsse sich aber diesbezüglich nach einem Beschluss der Regierung richten.

Vanessa Köneke

Pilgerweg 2005 Rumänien

von Harald Riese (Ende September 2005)

Im November 2004 fragte die Kommunität Imshausen (www.kommunitaet-imshausen.de) mich, ob ich ihnen für den Pilgerweg 2005 eine Empfehlung für eine Route in Rumänien geben könne. Die sah ich sofort vor meinem geistigen Auge.

Im April bereiteten Hannah von der Kommunität, Monika aus dem Freundeskreis und ich den Weg vor nach dem von mir vorgelegten Plan. Der wurde weitgehend akzeptiert.

Der 1. Tag

Am Sonntag, den 21.8., ist es endlich soweit. In Sighisoara (Schäßburg) mitten in Siebenbürgen treffen an einem blauen Sommersonnentag aus Deutschland 16 Pilgerinnen und Pilger ein. Dort erwarten wir sie auf dem Bahnhof, Maria, Mihaela, Ileana, die Teilnehmerinnen aus Rumänien, und ich. Später kommen noch die Beiden dazu, die das Auto fahren und für uns einkaufen: Ilona und Csaba.

Wir hatten ein kleines Empfangsimbiss vorbereitet im Haus "Luminiţa copiilor" - und die Gäste aus Deutschland können einen ersten Eindruck dieses Kleinods Rumäniens wahrnehmen: Schäßburg, ein Wahrzeichen der deutschen Kultur, die sich hier seit dem 9. Jahr-hundert angesiedelt hat.

Wir fahren weiter mit der Bahn zur ersten Station unseres Pilgerwegs, nach Odorheiu - ein Städtchen im ungarischen Siedlungsgebiet  - zum Kloster der Franziskanerinnen. Dort werden wir sogleich mit den verheerenden Folgen des Unwetters konfrontiert, das am Donnerstag Odorheiu völlig überraschend heimgesucht hat. Unsere Herberge war zur Notunterkunft geworden für unbrauchbar gewordene Wohnungen. Die Schlammmassen hatten Böses hinterlassen. Und während wir unterwegs sind, erreicht uns die Nachricht, das ist nur ein kleines übles Vorspiel. Denn bei einem weiteren Blitzgewitter mit sich ausschüttenden Fluten sind so unglaubliche Wasser in das kleine Bächlein geströmt, dass Häuser, Brücken, ja sogar eine für die Eisenbahn eingestürzt sind - und noch unfassbarer, auch vierzehn Menschen haben ihr Leben verloren.

Sr. Michaela, Oberin des Klosters, die noch wenige zuvor wusste, sie würde einige Tage mit uns gehen, muss sich nun um die Schäden an Mensch und Einrichtung kümmern, die die Flutwelle auch im Kloster angerichtet hat, ohne zu ahnen, was noch Schlimmeres auf sie zukommt.

Von ihr bekommen wir als Begleitfahrzeug für Gepäck und Gehmüde nicht nur den Klosterbus zur Verfügung gestellt, sondern mit Ilona und Csaba zwei Menschen, die für den Weg außerordentlich hilfreich sind. Wenn wir am mittäglichen Picknick-Punkt ankommen, sind die beiden da, haben Lebensmittel besorgt, haben immer zielgerichteter einen geeigneten Platz ausfindig gemacht und werden täglich mehr auch Teil der Gruppe.

Mit bester Verpflegung im Kloster, einem bewegenden Bericht über die Geschichte der Einrichtung und der Unterdrückung in der Zeit des Ceauşescu-Regimes gehen wir in den ersten gemeinsamen Abend, lernen uns kennen, wir 23 Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbezügen zwischen 26 und 84 Jahren, mit und ohne Wander- und mit und ohne Pilgerweg-Erfahrung. Wir üben mit den Minderheiten klarzukommen, die uns besonders durch die drei Sprachen auffallen und besondere Sensibilität erfordern: die nur deutsch Sprechenden zu Mihaela, die nur Rumänisch und Englisch spricht bis zu Csaba, der nur Ungarisch versteht. Und damit werden wir hineingenommen in die Verständigungsebenen dieser Gegend und dieses Landes. So übersetzt die junge Maria, die aus einer sächsisch-rumänischen Familie stammt, ins Rumänische und Ilona vom Rumänischen ins Ungarische.

Wir werden ins Thema des Pilgerweges eingeführt: das "Unser Vater", das uns nun Wort für Wort und Bitte für Bitte in den folgenden Tagen entfaltet werden wird und mit dem wir im Schweigen und Gehen und miteinander Sprechern meditieren, kommunizieren.

Die Vielfalt der religiösen Entwicklung und der verschiedenen Konfessionen kommt hier besonders durch den Sprachenreichtum zum Ausdruck. Für viele unter uns Deutschen schwer nachvollziehbar, dass mitten in Rumänien Menschen leben, die sich als Ungarn und Ungarinnen bezeichnen, die sich zu Ungarn gehörig fühlen. So gibt es hier Katholiken, Reformierte, Lutheraner, Unitarier - aber keine Orthodoxen: und alle sprechen als ihre Muttersprache ungarisch.

Im Dekanat bekommen wir gute Ersatzquartiere.

Der 2. Tag

Wir gehen, erquickt durch eine gute Nachtruhe in den zweiten Tag - und mit der Andacht und dem Vaterunser-Impuls in die morgendliche Schweigestunde: der erste Weg für uns als Gruppe entlang der Bahn aus der Stadt noch hinausgeführt von Sr. Michaela - durch eine liebliche hüglige Landschaft, der wir den Unbill, den der Regen mit ihr treibt, nur an den gelegentlich schwer passierbaren Wegen abnehmen können. Nach einer guten Stunde erreichen wir das erste Dörfchen, werden von Menschen dort mit Äpfeln beschenkt - und singen als Dank aus dem Pilgerliederbuch ein ungarisches "Laudate omnes gentes".

Unser Ziel wird Darjiu sein. Der Weg, eine Schotterstraße, scheint sich, da baumlos, unendlich weit hinzuziehen, zumal es sehr warm ist. In Niculesti erwarten uns unser Bus und ein erstes Picknick, das wir mit Freude genießen. Und dann ist wieder Schweigezeit - und ich genieße in der Gruppe zu pilgern und meinen Gedanken nachzuhängen, die Landschaft auf mich wirken zu lassen, mich der großen Wanderungen von damals zu erinnern, auch mal mit der einen und dem anderen im Gleichschritt zu gehen - und in mich in innerer Übereinstimmung zu wissen: Himmel und Erde verinnerlichen sich auf wundersame Weise. Das Unser Vater, das Unsere Mutter schreitet ebenfalls mit, bis wir schließlich noch früh am Nachmittag unser Ziel, unsere Gastgeber und -geberinnen erreichen und uns im Schatten und auf einer Wiese ausruhen dürfen.

Die Kirchenburg von Darjiu, aufgenommen in die Liste der Weltkulturerbe, ist eine wirkliche Besonderheit, denn sie ist meines Wissens die einzige, die sich im ungarischen Siedlungsgebiet befindet, eine ungarisch-unitarische Gemeinde hat und sehr, sehr sehenswert ist.

Wir haben Zeit und genießen sie. Wir werden von Palinka verwöhnt, dem ungarischen Pflaumenschnaps, den der Wirt mit Freude und Enthusiasmus austeilt. Wir sind draußen und draußen ist die Küche und wir erleben, wie vor unseren Augen die ganze Familie damit beschäftigt ist, für uns die Mahlzeit, eher die Mahlzeiten zu bereiten. Wir speisen - genießen. Schlafen, einige auch draußen, da acht Männer sich ungern vier Betten teilen wollen: "Ich habe doch, seit ich Kind war, mein ganzes Leben lang allein im Bett gelegen!", sagt Philipp. Auch in dieser Nacht musste er sein Lager mit niemandem teilen.

Der nächste Tag lädt uns ein, Morgenandacht in der trutzigen Kirche mit ihrem burgenähnlichem Bau: unitarisch: christlich: aber keine Zeichen, kein Kreuz, keine Kerzen, ein zentraler Tisch, eine zentrale Predigtstätte - eine Orgel, die Kirche aus dem 15. Jahrhundert. Im Schweigen losgehen.

Unser Ziel - Viscri. Mein Dorf, unser Dorf. Der Weg dorthin wird zur ersten größeren Herausforderung für uns. Roades, Radeln, den Mittagspicknickplatz erreichen wir erst gegen 3 Uhr nachmittags. Und trotz meiner relativ genauen Ortskenntnis - der direkte Weg soll uns versperrt bleiben. Ein Kuhhirte, dem wir an den Westhängen begegnen und bei dem ich mich noch einmal absichern will, sind wir wirklich richtig, rät uns ab, der Weg sei unpassierbar, zuviel Wasser, zu weit, zu unsicher - wir folgen seinem Rat, laufen nach Norden anstatt nach Osten, ein großer Umweg, der uns über Bunesti/Bodendorf führt - und wir sind froh, dass wir dank Handy uns dann auf der Straße nach Viscri von unserem Bus und anderen Fahrzeugen abholen lassen können. Anstatt um 5 treffen wir um ½ 8 Uhr ein.

Schnell, obwohl dezentral untergebracht, werden wir im Dorf untergebracht - und ich lade auch in mein Haus vier Pilgerinnen ein.

Das Abendessen und Frühstück bekommen wir bei Raluca, besonders beeindruckend, wie die große Essenstafel ruckzuck in die Scheune getragen wird, als es anfängt zu regnen.

Der 3. Tag

Die Gruppe beschließt am nächsten Morgen nicht sogleich wieder aufzubrechen. Denn Viscri ist es wirklich wert zu bleiben, um unsere Arbeit kennen zu lernen. Spinnerei. Vor allem die Sockenstube und alles, was dazu gehört. Das hier Erlebte zieht in den nächsten Tagen viele Gespräche nach sich - ich empfinde Freude und Dankbarkeit, dass hier eine kleine Schar von Christinnen und Christen aus dem Schnuppern heraus in große Nähe zu unserer Arbeit einsteigt, die sicher noch viele positive Folgen nach sich ziehen wird.

Wir speisen bei uns im Hof, halten Andacht im "Kuhstall", der mein Andachtsraum wurde, fahren mit zwei Bussen einen Teil der heutigen Strecke - und gehen los. Gehen beschwingt in einen uns aufbauenden Tag und finden ohne Umwege unser Ziel: Selistat/Seligstadt - und ein ansprechendes Quartier im ehemaligen Pfarrhaus, das als Jugendherberge eingerichtet wurde.

Der 4. und 5. Tag

Am nächsten Tag weiter, nach Cincsor/Kleinschenk - das dritte siebenbürgisch-sächsische Dorf, deren ehemals deutsche Bewohner und Bewohnerinnen spätestens 1990 das Weite und das Glück im Westen, nämlich in Deutschland suchten. Wenige und noch weniger sind geblieben. Im Gespräch abends mit Frau Gerda sagt sie klar und deutlich: "Wir haben keine Perspektiven mehr und keine Zukunft!"

Es geht weiter, die Tage werden immer heißer - und obwohl wir in unmittelbarer Nähe der Karpaten sind, von den alpinen Bergen ist nichts zu sehen, der Dunst hüllt sie ein - aber wir wissen, sie sind da. Immer mal haben wir auch direkte Begegnungen mit Menschen, einmal, als wir Rast halten, werden wir beschenkt mit Äpfeln und Frischgebackenem. Und Dank Maria, unserer Jüngsten, gibt es immer auch eine Übersetzerin, auch ich versuche das mir Mögliche. Wir suchen einen guten Platz für unser Mittagspicknick und finden sie im Hof eines 80-jährigen, der uns Bänke, Tische und Stühle aus dem Haus bereitstellt - und natürlich Gespräch.

Der 6. und der 7. Tag

Freitag - und das große orthodoxe Kloster Brâncoveanu bei Sâmbătă de sus am Fuß der Karpaten rückt uns näher. Dort werden wir einen Ruhetag einlegen - und wir sind froh drum, viele sind doch recht geschafft. Trotzdem acht von uns brechen am Samstag, einem wunderschönen klaren Sommertag auf und erleben bei einer Bergwanderung noch ein weiteres Stück Rumänien. Am Abend nehmen wir an der orthodoxen Liturgie teil. Sie ist ergreifend in den Gesängen und bleibt fremd, zu sehr sind wir entfernt aus dieser Art der Frömmigkeit. Wir haben einen der Küchenpatres zu uns eingeladen: und tatsächlich er kommt am Abend, bringt ausgelassene Stimmung mit, so dass wir richtig davon angesteckt werden, und eine überzeugende Religiosität, die wir bei anderen würdigen Würdenträgern nicht so erleben konnten, wir bekamen keinen Zugang zu ihnen.

Der 8. Tag

Sonntag,- wir brechen früh auf, denn der längste Tag unseres Pilgerweges liegt vor uns - und er wird noch länger werden, weil wir beklaut werden. Für das Mittagspicknick hatte die Vorhut einen lieblichen Platz gefunden auf einem geschlossenen Grundstück in Recee hinter einem Haus im Bau. Der Bus war in die Einfahrt gefahren, stand da mit einladend offener Heckklappe. Und während wir speisen, hält ein Pferdewagen hinter dem Bus, einer der Fahrenden springt hinaus, greift sich aus dem Bus ein paar Sachen, wird von Ilona beobachtet. Sie springt mit ein paar Leuten in den Bus, fährt der Caruţa hinterher, doch die ist längst entschwunden. Der Rucksack von Maria, die Reisetasche von Dietmut ist gestohlen worden. Am nächsten Tag hat die alarmierte Polizei immerhin die Papiere von Maria wieder gefunden.

Schade, denn dieser Verfall bestätigt diejenigen unter uns, die mit Vorurteilen beladen, die Reise antraten. Es sollte so sein - und nicht einmal dabei bleiben.

Mit Bucium und seinem Kloster erreichen wir einen gänzlich anderen Ort ohne Touristen, ein armes Kloster gegen den zelebrierten Reichtum des Vorherigen. Uns überrascht, mit wie viel Hingabe uns die freiwilligen Mitarbeiterinnen die Mahlzeiten richten.

Der Montag wird unser letzter richtig gemeinsamer Tag sein - wir wandern durch eine ebene Landschaft direkt vor den Karpaten, die uns immer noch einmal grüßen.

Wir gehen wie jeden Tag geleitet mit einer Bitte aus dem Vaterunser, wir gehen im Schweigen - ich lasse die Tage hinter mir und vor meinem inneren Auge vorbeiziehen. Es war eine gute Zeit, ich staune, wie sich diese große Gruppe organisierte, wie das Leitungsteam Hannah, Monika, Gerhard, Br. Philipp, ihrer Aufgabe gerecht wurden. Wie Sr. Hannah aus Grandchamp und Sr. Sabine unterstützt von Dietlind täglich für eine gute Mittagsmahlzeit sorgten und Ilona und Czaba unter durchaus nicht immer einfachen Bedingungen die Lebensmittel dafür einkauften. Und offensichtlich hat Conrad es meisterhaft verstanden, ohne großen Aufwand die Kasse zu verwalten.

Besonders wichtig allerdings waren die Impulse, die uns täglich von einem anderen Mitglied der Gruppe aus dem Vaterunser gegeben wurden, die gemeinsamen Andachten, das Miteinander ohne zu große Ansprüche an die einzelnen. Ich bin mit einer reichen Erfahrung zurückgekehrt.

Aber angekommen sind wir noch nicht: wir müssen noch den Bahnhof Persani erreichen, wo wir ein letztes Mal ein gutes gemeinsames Essen auf der Bahnhofswiese einnehmen, ohne dass uns jemand wegschickt. Wir steigen in den Zug, fahren nach Brasov/Kronstadt, besuchen die ungarisch-lutherische Kirche, bekommen einen letzten Kurzbericht des dortigen Pfarrers, die Höhen und Tiefen des Gemeindelebens in der Ceauşescuzeit und jetzt danach.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof im Bus wird dann schließlich auch noch Hannah S. von ihrem Portemonnaie befreit. So bleiben neben den vielen, vielen positiven Eindrücken auch einige andere, die vielleicht manches relativieren, doch die Gesamterfahrungen nicht wirklich beeinträchtigen können.

Ein Teil der Gruppe fährt nach Deutschland zu einem Abschluss an den Ausgangsort des Pilgerweges, nach Imshausen - einige bleiben in Rumänien, einige fahren direkt in ihre Heimatorte.

Ein paar Wochen später erreichen mich die zusammengefassten Tagebuchnotizen der dafür eingeteilten. Eberhard, der mit Fleiß und Aufmerksamkeit alles abschrieb und ordnete, hat diesen Bericht auch ins Internet gestellt, dazu eine Reihe eindrucksvoller Aufnahmen (siehe: Tagebuch).

Presse-Echo

aus der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ)

(März bis Mai 2005, zusammengestellt von E. Wagner und A. Keßler-Binder)

Diakonie und Altenbetreuung stand im Mittelpunkt des 5. Kuratorentages in Hermannstadt. Ambulante Pflege, Essen auf Rädern, Altenheime etc. waren die Themen. Viel muss noch gemacht werden. Fogarasch wurde u. a. als gutes Beispiel genannt. [8.03.05]

Temeswar: Kleinkinder und Säuglinge werden weiterhin abgegeben. Ersatzeltern werden weiterhin benötigt. Junge Mütter lassen ihre Kinder nach der Entbindung zurück, sie landen dann in Kliniken (Dystrophie) und Kinderheimen. Der Kinderschutzbund von Temeswar veranstaltet Lehrgänge für Ersatzeltern, bisher sind 480 Personen ausgebildet worden, 30 Ersatzmütter von 100 Bewerberinnen allein im März 2005. [08.03.05]

Gering gesunken ist die Zahl der Kirchenmitglieder der Evangelischen Kirche in Rumänien im vergangenem Jahr. Stand per 31.12.04: 14543 / 31.12.03: 14770 Mitglieder in 254 Gemeinden - ein Minus von 227 Gläubigen. [09.03.05]

Der letzte Hilfstransport der Arbeitsgemeinschaft Temeswar-Hamburg (Zusammenschluss mehrerer Kirchengemeinden im Norden von Hamburg) ging auf die Reise! Kommentar des Leiters: Wir hören auf, nicht weil die Menschen im Banat es nicht mehr benötigen, sondern allein die ausufernden Zollformalitäten sind der Grund. Weiterhin wird noch viel Hilfe gebraucht! In den letzten 14 Jahren sind 100 Hilfstransporte nach Temeswar geschickt worden. [16.0305]

Mechthild Gollnick macht weiter! Nach dem Tod ihres Mannes Hubertus Gollnick setzt sie die Arbeit fort. Sie kümmert sich um sozialschwache Familien (z.B. Brennholzhilfe), betreut Kinderkrankenhäuser und die Sonderschule in Temeswar. [30.03.05]

Die Fogarascher Evangelische Gemeinde zählt 313 Mitglieder, die angeschlossenen Diasporagemeinden Schirkanyen/Sercaia 29, Bekokten/Barcut 19, Seligstadt/Selistat 6, Rohrbach/Rodbar 8 und  Felmern/Felmer 14. Somit sind in der Fogarascher Diaspora 389 Gemeindemitglieder registriert. [02.04.05]

Durchschnittlicher Nettolohn betrug im Februar 2005 6,7 Millionen Lei (186 Euro) - laut "Nationales Institut für Statistik". [07.04.05]

Das Wirtschaftswachstum wird laut Bericht der Europäischen Kommission in diesem Jahr etwas über 5% liegen, im vergangenem Jahr betrug das Wachstum 8,3 % des Bruttoinlandproduktes (BIP). [09.04.05]

Das EU-Parlament stimmt für den Beitritt Bulgariens und Rumäniens für das Jahr 2007! Eine Verzögerungsklausel besagt, sollten die geforderten Verbesserungen in Verwaltung, Innerer Sicherheit und Korruption nicht eintreten, kann der Beiritt um ein Jahr verzögert werden. [15.04.05]

Rumänien ist auf Platz 87 unter den 146 korruptesten Ländern gelandet, um 10 Plätze schlechter als im Jahr davor. [18.04.05]

Infolge großer Schneeschmelze und heftiger Regengüsse gibt es im Westen Rumäniens katastrophale Überschwemmungen. Viele Orte sind von der Umwelt abgeschnitten. Bilanz: 127.000 Hektar Land standen unter Wasser, 3.500 Menschen mussten evakuiert werden, fast 14.000 Häuser in 150 Ortschaften wurden zerstört. Tausende Menschen verloren Hab und Gut, Hunderte Kilometer Strassen und 112 Brücken wurden zerstört. Der Schaden wird auf rund 390 Mio Euro geschätzt. (= ca. 21,5 Mio Euro) Als Mit-Grund für die Schadenshöhe werden versäumte Instandhaltung der Dämme und fehlendes Umweltbewusstsein angeführt. Hinzu kam sehr schlechtes Krisenmanagement. So wurden z.B. leistungsstarke Pumpen aus Ungarn wegen nationaler Dünkel örtlicher Funktionäre nicht eingesetzt ... Zur bedeutsamen ausländischen Hilfe trug die BRD mit Sach- und Geldmitteln in Höhe von ca. 750.000 Euro aus öffentlichen Mitteln und privaten Spenden bei. [19.04., 27.04., 28.04., 13.05., 17.05., 21.05, 27.05.05]

Rückkehr nach Europa! Bulgarien und Rumänien kommen in die EU! In Luxemburg wurden die Verträge von den Präsidenten beider Länder unterzeichnet. - Aber bis 2007 müssen noch gewaltige Anstrengungen hinsichtlich Verwaltung, innere Sicherheit, Korruption und Wettbewerb unternommen werden. [25.04.05]

Kurs: 36201 Lei = 1 Euro [27.04.05]

Wegen Schulden von 200 Milliarden Lei haben die Arzneilieferanten die Belieferung der Krankenhäuser eingestellt. Der Vorrat reicht nur noch für einen Monat. Die Krankenhäuser warten auf die Umschichtung im Staatshaushalt, damit sie die Gelder zurückzahlen können.
[11.05.05]

Im April ist die Inflation auf 1,9% hochgeschnellt, im Vergleich zum Vorjahr um 10%! Das Ziel der Regierung liegt bei 7% in diesem Jahr und 5% im Jahre 2006! [12.05.05]

EU mahnt Reform mit Frühwarnbrief an! EU-Erweiterungskommissar Rehn kündigt diese Briefe an, lobte aber die gute Kommunikation zwischen Brüssel und Bukarest. [13.05.05]

Rumänien bekommt Hilfestellung hinsichtlich Korruption und organisiertes Verbrechen vom Stabilitätspakt für SüdEuropa. Ein Antikorruptionshandbuch für die rumänischen Behörden wurde überreicht, welches in Zusammenarbeit von Europarat und UNO erstellt worden ist. [14.05.05]

Pharmaimporte um 30%  2004 gestiegen. Mengenmäßig wird der Verbrauch zu 70% aus heimischer Produktion abgedeckt, wertmäßig aber verhält es sich umgekehrt, 2/3 Import und 1/3 Inland. BRD nimmt als Bezugsland nach Frankreich den 2.Rang ein. [18.05.05]

Medikamentenkrise vorläufig beseitigt. Die Krankenhäuser werden wieder beliefert. Die Schulden sollen nach und nach getilgt werden. [19.05.05]

Laut Kriminalpolizei wurden in den letzten 5 Jahren 732 Kinder als vermisst gemeldet. 569 Fälle konnten in den Jahren 2000-2004 von der Polizei gelöst werden. [26.05.05]

Erdgaspreis um 33% angehoben! Ab 1.6. beträgt er 7500 Lei/Kubikmeter (0,21 Euro) [28.05.05]

Übrigens: Viscri-Socken (von denen gleich in Form des Sockenbestellzettels die Rede sein wird) gibt es auch im neuen Naturkostladen in Halle:

                                                Naturkost Süd

                                                Beesener Straße 241

                                                06110 Halle

                                                Tel. (03 45) 9 59 62 62 / Mobil: 0179 1 45 10 42

                                                Mo-Fr 10-18 Uhr / Sa 10-13 Uhr

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Redaktionsschluss nächste Ausgabe: 20.04.2006

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